Øyvind Norheim, Norway - The development and spreading of "Stille Nacht" in Denmark and Norway
1. B. S: Ingemann’s text "Glade Jul!"
The Danish poet Bernhard Severin Ingemann (1789 - 1862) Why the Danish poet Bernhard Severin Ingemann (1789 - 1862) wrote his Christmas carol "Glade Juul! deilige Juul" in 1850 is not known.
The text, which was written to Franz Gruber’s melody of "Stille Nacht", is not a translation of Joseph Mohr’s text, but it is most likely
that Ingemann was inspired by it. Ingemann’s text was published for the first time in the Danish periodical Dansk Kirketidende Nr. 270, December 8th,
1850 to Franz Gruber’s "Stille Nacht". Since then Ingemann’s text has been one of the most popular Christmas carols in Denmark and Norway,
which is possibly also the reason that Joseph Mohr’s original text "Stille Nacht! Heilige Nacht!" has never been in common use in these two
countries.
It was in the year 1843 that the Danish composer, organist and school teacher A. P. Berggreen (1801 - 1880) included "Stille Nacht" in the 2nd volume of his collection of folk tunes Folke-Sange og Melodier fædrelandske og fremmede. The music and the text of the song in Berggreen’s collection is identical with the version published by Friese in Dresden 1833 (which Berggreen actually quoted as his source): four voices, with piano and/or guitar accompaniment. Neither composer nor author was named, it was simply called "Weihnachtslied aus Tyrol". It was the version of Gruber’s tune in Berggreen 1843, which was used when B.S. Ingemann’s new text was published for the first time in 1850. Except for a significant difference in the third verse, and some changes that had to be made to adapt the music to a new text, it is basically the same version of the tune as found in Berggreen 1843.
Already in 1852 Ingemann’s text was included in Roskilde-Psalmebogen (a proposal for a new hymn) in a revision probably by Ingemann himself or at least with his permission. In 1855 it was included in the hymn approved by the government for use in the Danish Church (Psalmebog til Kirke- og Huus-Andagt) also here with some changes in the text. Since then it has been widely represented in all sorts of hymns and song books, despite the severe criticism against the theological implications - or lack of implications - in the text.
Ingemann’s text has never been translated into another language in a way that fits into Gruber’s tune. To give a certain idea of Ingemann’s text, I
therefore quote the first verse in a word-by-word translation by Mike and Else Sevig (the translation has been made from the Norwegian version, which,
in some parts, differs slightly from the Danish original):
First printing of Ingemann's text "Glade Jul"
Joyous Christmas! Holy Christmas!
The angels are descending,
coming with green boughs from heaven
where they know what is beautiful to God.
The angels walk in our midst unseen.
Ingemann’s text with Gruber’s music was very quickly adopted in Norway. In 1851 - less than a year after it was published in Denmark - it was printed in Johan Diederich Behrens’ (1820 - 1890) school song book Skole-Sangbog indeholdende to- tre- og firstemmige Sange. Except for a couple of significant changes (e.g. "hellige Jul [holy Christmas]" instead of "deilige Juul [wonderful Christmas]" in the first verse , Behrens only changed the spelling of some words to adapt the text to the officialyl written Norwegian language, which at that time was very similar to written Danish. The song became very popular also in Norway, but it was not until 1926 that it was included in the official hymns for use in the Church of Norway.
2. Danish and Norwegian versions of Joseph Mohr’s text
Øyvind Norheim, MA in musicology, is working as a research librarian at the "National Library of Norway" in Oslo and member of the
Silent Night Association, Norway 2006 As early as 1845 A. P. Berggreen had published a Danish translation of the three verses of Joseph Mohr’s text in his Skole-Sangbog, til Brug ved den første
Underviisning. It was the same three verses he had used in his collection of folk songs three years earlier (taken from the Friese publication of 1833).
Berggreen’s translation (verses 1, 6 and 2 of Mohr’s original version) was the only one in common use in Denmark and - to a lesser degree - in Norway
for about the next hundred years, whenever a translation of Mohr’s text was required. In Norway Berggreen’s translation was probably printed for the first
in 1864, also this time by Behrens in one of his song books for schools. The competition from Ingemann was however too tough and Mohr’s text was never
accepted by either the Danes or the Norwegians. It was not until after World War II that other translations started to appear. In Norway a translation by
Erik Hillestad (1991) has been used to some degree recently. All in all a total of 15 different Norwegian and Danish translations of Mohr’s text are known
to the present author. But none of them has been a real threat to the popularity of Ingemann’s "Glade Jul".
Renate Ebeling-Winkler - Das "Stille-Nacht"-Lied in nord- und mitteldeutschen evangelischen Gesangbüchern
Die ersten Druckfassungen von "Stille Nacht! Heilige Nacht!" erschienen als Liedblatt-Drucke 1833 im Verlag August Robert Friese in Leipzig und Dresden. In ein Liederbuch wurde "Stille Nacht" nach den wichtigen Erkenntnissen des Heidelberger Professors für Kirchenmusik Wolfgang Herbst erstmals 1836 aufgenommen. Es handelt sich dabei um eine "Sammlung zwei- und dreistimmiger Gesänge für Volksschulen", herausgegeben von C.A. Abmeyer, Kantor und Lehrer an der Knabenschule zu Grimma, einer bedeutenden Schul- und Verlagsstadt südöstlich von Leipzig.1 Veröffentlichungen dieser Art waren nur mit Genehmigung der Schulaufsichtsbehörden möglich, die im Königreich Sachsen nach ihrer kurz zuvor erfolgten Dezentralisierung vom zuständigen (evangelisch-lutherischen) Ortspfarrer geleitet wurden. Handelt es sich hier noch um ein zwar vom lutherischen Klerus gebilligtes, aber nicht für den Gottesdienst gedachtes (Schul-)Gesangbuch, so wird das "Stille-Nacht-Lied" bereits zwei Jahre später in Leipzig in den "Choral=Melodien zu dem katholischen Gesang- und Gebetbuch für den öffentlichen und häuslichen Gottesdienst" aufgeführt, ist hier also offensichtlich für den Gebrauch im Gottesdienst vorgesehen.2 Daraus ergibt sich die Fragestellung, ob "Stille Nacht" nicht auch in evangelische (Kirchen-)Gesangbücher
Mitteldeutschlands Aufnahme und damit über den Kreis der Lehrer- und Schülerschaft hinaus Verbreitung gefunden hat.Es gilt also, evangelische Gesangbuch-Sammlungen mit größeren Beständen aufzuspüren. Die Ortskirchenarchive verfügen in der Regel nicht über nennenswerte Sammlungsbestände. Eine Ausnahme bildet hier die Marktkirchenbibliothek Goslar, deren reicher Bestand noch zu untersuchen ist. Erst durch die Einrichtung von Landeskirchenarchiven - den katholischen Diözesanarchiven vergleichbar - besteht die Möglichkeit, Einzelbestände zu konzentrieren und unter fachkundiger Leitung zu betreuen. Die Bibliotheken der für die nachuniversitäre Ausbildung der evangelischen Pastorenanwärter zuständigen Predigerseminare, denen heute zum Teil auch die Ausbildung und Schulung von nicht theologisch-wissenschaftlichem Gemeindepersonal angegliedert worden ist, verfügen über ursprünglich zu Ausbildungszwecken angelegte Gesangbuch-Sammlungen unter Einschluss auch gebiets- oder konfessionsfremder Exemplare.
Aufschlussreich ist auch die Herkunft der Sammlungsbestände. Häufig haben Gemeindepfarrer bereits zu Lebzeiten oder in ihrem Testament die von ihnen selbst gesammelten oder jeweils nach Erscheinen der aktuellen Auflage ausgesonderten Exemplare den Landeskirchenarchiven oder ihrer alten Ausbildungsstätte, dem Predigerseminar, vermacht. Ebenso hinterließen einfache Gemeindemitglieder ihre oftmals in Prachtausgabe als Konfirmations- oder Hochzeitsgeschenk empfangenen Gesangbücher den Sammlungen. Daneben gab es in seltenen Fällen bibliophile Geistliche oder Bibliotheksleiter, die ihre Sammlungen durch Ankäufe von Rara erweiterten.
Für eine erste Grobsichtung im September 2005 wurden folgende Institutionen ausgewählt:
- Das Landeskirchenarchiv in Eisenach mit etwa 200 Gesangbüchern vorrangig aus den thüringischen Fürstentümern. Die erst kürzlich aus dem auf den Pietisten Zinzendorf zurückgehenden Predigerseminar Neudietendorf bei Erfurt hinzugekommenen Bestände werden derzeit erfasst.
- Die Bibliothek des Predigerseminars der Braunschweigischen Evangelisch-Lutherischen Landeskirche mit den Beständen des früheren Predigerseminars Wolfenbüttel. Bei einem Bestand von ungefähr 300 Gesangbüchern war die Durchsicht in den eingeplanten Arbeitstagen nur stichprobenartig möglich, eine systematische Durchsicht steht noch aus.
- Die Bibliothek des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses in Preetz (20 Kilometer südöstlich von Kiel gelegen), in dem neben einigen anderen kirchlichen Aus- und Fortbildungseinrichtungen das Predigerseminar der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche beheimatet ist. Bei einem Bestand von über 200 Gesangbüchern konnte die Verfasserin nur stichprobenartig unter Beschränkung auf die wichtigsten für den Untersuchungszeitraum in Frage kommenden Bücher vorgehen, auch hier ist eine systematische Erfassung noch zu leisten. Von besonderen Interesse sind die vielen Gesangbücher aus der Schweiz, aus dem Elsass, aus den rheinischen und den östlichen preußischen Kirchenprovinzen, die überwiegend aus der Sammlung des Kappelner Propstes Martin Bertheau stammen.
- Das Archiv des 1833 von dem protestantischen Theologen und Sozialreformer Johann Hinrich Wichern gegründeten Rauhen Hauses in Hamburg-Horn. Unter diesem traditionsreichen Namen beherbergt das weitläufige Gelände noch heute mehrere sozialpädagogische Einrichtungen und Ausbildungsstätten sowie eine evangelische Fachhochschule.3
Die erste Durchsicht von insgesamt 200 Gesangbüchern aus allen drei angeführten Kirchenarchivbibliotheken war von folgenden Gesichtspunkten getragen:
- Enthält das Gesangbuch "Stille-Nacht! Heilige Nacht!"?
- In welcher Version?
- Sind Mohr und Gruber genannt?
- In welchem Teil des Gesangbuchs ist das Lied zu finden?
Ist es für den liturgischen Gebrauch vorgesehen? - Für welche Zielgruppe war das Gesangbuch konzipiert?
- Welche Advents- und Weihnachtslieder sind im Gesangbuch aufgeführt?
- Gibt es im Gesangbuch andere Lieder, die den Liedanfang "still" enthalten oder eine dem Stille-Nacht-Lied ähnliche atmosphärische Ausstrahlung haben?
Der ursprünglich auf die Zeit von 1818 bis 1900 angelegte Untersuchungszeitraum musste im Laufe der Erstsichtung bis in die 1920er Jahre ausgedehnt werden, damit Entwicklungen und Tendenzen besser herausgearbeitet werden konnten.
Der Augsburger Religionsfriede von 1555, dessen 450. Wiederkehr heuer im großen Rahmen gefeiert wurde, brachte zwar dem einzelnen Christenmenschen keine persönliche Glaubensfreiheit, überließ aber nach dem Prinzip des "Cuius regio, eius religio" dem jeweiligen Landesherrn die Wahl des Bekenntnisses für sich und seine Landeskinder. Dadurch entstanden in den evangelischen Ländern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eigenständige Landeskirchen, an deren Spitze der jeweilige (weltliche) Landesfürst stand, der sich in kirchlichen Angelegenheiten durch einen theologisch ausgebildeten Superintendenten als Stellvertreter und durch Konsistorialorgane vertreten ließ.
Auch wenn im Laufe der Jahrhunderte viele deutsche Kleinstaaten verschwanden, bestand das heutige Bundesland Thüringen bis
nach dem Ersten Weltkrieg aus einer Vielzahl von Fürstentümern, eine Folge der Realerbteilung in der hier maßgeblichen
ernestinischen Linie des sächsischen Herrscherhauses. Zu den eifersüchtig verteidigten landesherrlichen Rechten gehörte neben
der standesgemäßen Hofhaltung die eigenständige Landeskirche und folglich die Herausgabe eines eigenen landeskirchlichen
Gesangbuchs, welches landesfürstlich privilegiert, das heißt zensiert, im Gottesdienst obligatorisch vorgeschrieben und
urheberrechtlich geschützt war.
Insofern bot das von der Föderation evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland getragene Landeskirchenarchiv Kreuzkirchen
Eisenach einen guten Überblick über die in den thüringischen Duodez-Fürstentümern Thüringens verlegten Gesangbücher.
Frontispiz. Evangelisch-lutherisches Gesangbuch für die Fürstentümer Reuß, 1911. Enge räumliche Nachbarschaft der thüringischen Fürstentümer und verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den insgesamt
lutherisch ausgerichteten Herrscherhäusern legen die Vermutung nahe, dass ihre Gesangbücher einen einheitlichen Aufbau und
Inhalt haben. Es scheint jedoch der Ehrgeiz eines jeden landeskirchlichen Konsistoriums gewesen zu sein, ein einzigartiges
Gesangbuch herauszugeben.4 In allen untersuchten Gesangbüchern orientiert sich die Reihenfolge der Lieder für den Gottesdienst
zwar am Kirchenjahr, beginnend mit dem Advent. Doch schon diese Bezeichnung ist nicht einheitlich, häufig findet man für diesen
Abschnitt die Überschrift "Von der Zukunft Jesu".5 Auf das Kirchenjahr folgen in der Regel die Anlass-Lieder für
Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Begräbnis " sofern sie nicht in einzelnen Gesangbüchern an die erste Stelle gerückt
worden sind.
Das Stille-Nacht-Lied ist lange Zeit nicht im liturgischen Teil der Gesangbücher zu finden, sein erstes Auftreten ist in den
1880er Jahren in den zunehmend angefügten Anhängen mit "geistlichen (Volks-)Liedern"6 zu beobachten.
Diese Verbannung
in den "nicht für den Hauptgottesdienst geeigneten" Teil des Gesangbuchs setzt sich bis ins 20. Jh. fort.7 Auffällig ist hingegen seine frühe Aufnahme in spezifische Gesangbücher für den Jugendgottesdienst, die innere und die
überseeische Mission, die auslandsdeutschen Gemeinden, das Militär und die mit der sozialen und seelsorgerischen Betreuung der
landgehenden Seeleute betraute Seemannsmission.8
Johann Hinrich Wichern hat in das 1846 von ihm in seinem Verlag "Agentur des Rauhen Hauses" edierte "Allgemeine
Evangelische Gesang- und Gebetbuch zum Kirchen- und Hausgebrauch" das Stille-Nacht-Lied nicht übernommen, obwohl er es
zwei Jahre zuvor sehr wohl einer Aufnahme in das " im selben Verlag erschienene " von ihm persönlich für die Arbeit
mit Jugendlichen zusammengestellte und bearbeitete Gesangbuch "Unsere Lieder"9 wert gefunden hatte.
Dass Wichern dabei auf eine Stille-Nacht-Fassung aus der von Carl Gottlob Abela für die Franckeschen Stiftungen in Halle "
eine dem protestantischen Pietismus nahestehende Eliteschule " herausgegebene "Sammlung zwei-, drei und vierstimmiger
Lieder zum Gebrauche beim Gesangunterrichte in Schulen zunächst für die Schulen in Franckens Stiftungen" zurückgegriffen
hat, ist glaubhaft. Wicherns Kontakte zur Franckeschen Stiftung sind bekannt, wie sein "Rauhes Haus" nahmen
"Franckens Stiftungen" sozialpädagogische Bildungsaufgaben wahr.10 Dies relativiert die Bedeutung der vermuteten "Leipzig-Altonaer" Quelle ein wenig. Bekanntlich hatte Gottlieb Wilhelm
Fink seinen "Musikalischen Hausschatz der Deutschen" mit der "tyrolischen Weise" "Stille Nacht!
Heilige Nacht!" 1843 bei Gustav Meyer in Leipzig verlegt, der gleichzeitig eine Filiale in der dänischen Elbhafenstadt
Altona betrieb. Wegen des regen Waren- und Ideenaustausches mit dem unmittelbar benachbarten Hamburg und der Einbindung
Wicherns in die Hamburger Verlegerszene dürfte diesem Finks "Hausschatz" bei der Zusammenstellung seiner Sammlung
"Unsere Lieder" vorgelegen haben.11
Doch selbst in den auf Wichern zurückgehenden oder seinem Gedankengut nahestehenden Einrichtungen wird der Wert des
Stille-Nacht-Liedes nicht zu allen Zeiten gleich hoch eingeschätzt. Das evangelische Gesangbuch von 1925 für die preußischen
Gebiete Minden und Ravensberg enthält das Lied nicht, obwohl ein besonderer Anhang für die dort von der Inneren Mission
betriebene international bekannte Behinderten-Anstalt Bethel angefügt und das Buch in der Anstalt verlegt worden ist.12 Auch in dem 1930 vom Wichern-Verlag des mit Wichern eng verbundenen Ev. Johannesstifts zu Berlin-Spandau herausgegebenen
Jugend-Gesangbuch sucht man das Lied vergeblich. Die forschen Geleitworte der Bearbeiter aus der Ev. Schule für Volksmusik,
welche die Jugend "vor Liedern falscher "Kindlichkeit’ und vor weicher Pseudo-Lyrik bewahren" möchten, mögen
dem Stille-Nacht-Lied im Wege gestanden haben.13
Die Gesangbücher führen fast ausnahmslos den (Text-)Verfasser Mohr an, häufig sogar mit seinen korrekten Lebensdaten. Nicht
überraschend ist, dass bei den in vielen Gesangbüchern üblichen Angaben des Entstehungsjahres Josef Mohr die Jahreszahl 1818
zugeordnet wird, denn bis 1995 wurde dieses Datum allgemein auch für den Text angenommen.
Der Komponist hingegen wird meist verschwiegen und in der Kopfzeile nur "eigene Melodie" notiert. Insofern unterscheidet sich "Stille Nacht! Heilige Nacht!" nicht von anderen Liedern des Gesangbuchs. Nach der noch bis ins 19. Jh. herrschenden Auffassung ist in der evangelischen Glaubenslehre der Gottesdienst in erster Linie auf das Wort ausgerichtet. Die im Regelfall von der Gemeinde mit Orgelunterstützung gesungene Melodie wird lediglich als Beiwerk angesehen.14 Der Name des Komponisten scheint nicht von Bedeutung. Franz Xaver Gruber teilt also lange Zeit sein Schicksal mit den übrigen zum Teil hochrangigen Komponisten der Kirchenlieder. Als die Erwähnung des Komponisten unter Beifügung des Entstehungsjahres der Melodie zunehmend üblich wird, ordnet man Gruber manchmal das Jahr 1813 zu. Ob dies als patriotische Reminiszenz an die "Völkerschlacht" bei Leipzig zu sehen ist, bedarf einer Klärung. Die Hartnäckigkeit, mit der sich diese Jahreszahl auch in späteren Auflagen und selbst in dem Salzburg benachbarten Bayern hält, ist jedoch wohl eher auf das auch bei kirchlichen Gesangbüchern anzutreffende Plagiat zurückzuführen.15
Die Bearbeiter und Herausgeber der Gesangbücher wissen, dass es sich bei Josef Mohr um einen katholischen Priester handelt, wie die in vielen Gesangbüchern enthaltenen (Liedtext-)Verfasserverzeichnisse belegen. Diese weisen neben Wegbereitern der Reformation auch lutherisch geprägte Dichter und Schriftsteller aus Barock und Romantik aus. Außer der erst mit 20 Jahren zum katholischen Glauben übergetretenen Pastorentochter Louise Hensel " lange Zeit geistige Gefährtin des romantischen Dichters Clemens Brentano - ist Josef Mohr in der Regel der einzige katholische Textdichter.16 Die konfessionelle Ausnahmestellung des Stille-Nacht-Liedes wird noch deutlicher durch den gelegentlich anzutreffenden Hinweis, dass Louise Hensel ihre angeführten Lieder noch in ihrer evangelischen Zeit geschrieben habe.17 Da Komponistenverzeichnisse erst in Gesangbüchern jüngeren Datums auftauchen, ist nicht mehr feststellbar, ob den Bearbeitern Grubers katholische Konfession ebenso erwähnenswert erschienen wäre.
Das Lied ist in den eingesehenen Gesangbüchern ausschließlich mit den drei überlieferten Strophen " 1, 6 und 2 nach dem Mohr-Autograph " aufgeführt. Die von Wolfgang Herbst erstmals aufgeworfene aus theologisch-linguistischer Sicht wichtige Frage, welche Gesangbücher die nach lutherischer Glaubenslehre theologisch inkorrekte Fassung "hochheiliges Paar" verwenden, bedarf einer gesonderten Untersuchung.18 Des Weiteren ist bei den seltenen mit Notenteil versehenen Gesangbüchern oder den separaten Noten-Begleitheften zu fragen, ob die dem Joseph-Mohr-Autograph zugrundeliegende Notation übernommen wurde, eine spätere, eher an Gruber orientierte Fassung oder die auf den Notendrucken der Zillertaler Sänger beruhende Notenschreibung gesetzt worden ist.
Die Suche nach Liedern, die am Anfang oder an einer markanten Stelle die Worte "still" oder "Stille" enthalten, war nur marginal möglich. Auffallend ist, dass im liturgischen Teil sowohl des "Neuen Gothaischen Gesangbuchs für die öffentliche Gottesverehrung und für die häusliche Andacht" von 1836 als auch des "Gesangbuchs für die evangelisch-reformi[e]rte Kirche der deutschen Schweiz" von1897 (genehmigt für die Kantone Zürich, Bern, Aargau, Schaffhausen, Appenzell-Außerrhoden, Basel-Stadt und Basel-Land sowie Freiburg/Fribourg) ein Weihnachtslied des Stadtpfarrers und Schulinspektors in Ulm Christian Ludwig Neuffer (1769-1839) mit dem Titel " Die heiligste der Nächte" verzeichnet ist, dessen Melodie von Hans Georg Nägeli (1773-1836) stammt, dem "Vater des Schweizerischen Männergesangs" in Zürich.19
Frontispiz. Gesangbuch für die Evangelisch-Lutherische Kirche des Herzogtums Braunschweig, 1902. Es ist nicht auszuschließen, dass im Zuge des "Kulturkampfes" zwischen Bismarck und der römisch-katholischen Kirche
in Deutschland und der zunehmend offensiven Konfessionalisierung der evangelischen Kirchen20 die Kirchenoberen das von zwei
Salzburger Katholiken stammende Weihnachtslied zumindest aus dem Liturgie-Teil der evangelischen Gesangbücher zu verbannen
versuchten. Am deutlichsten drückt dies noch 1951 das Gesangbuch für die badische Landeskirche aus, in dessen
Verfasser-Verzeichnis auf Seite 72 bedauert wird, dass das "sich großer Beliebtheit erfreuende Stille-Nacht-Lied
weithin die gehaltvollen evangelischen Weihnachtslieder verdrängt habe".21
Möglicherweise bestanden bei der Akzeptanz von "Stille Nacht! Heilige Nacht!" Unterschiede zwischen den für den
Inhalt der Gesangbücher verantwortlichen evangelischen Konsistorialbehörden und ihren Gemeindepfarrern. Dafür spricht das
in ein "Hildburghäusisches Gesangbuch für die kirchliche und häusliche Andacht" von 1867 eingeklebte handschriftlich
verfasste Blatt. Aufgezeichnet ist das Curriculum für eine evangelische Christ-Vesper, das nach der Verlesung des
Lukas-Evangeliums die Darbietung des Liedes "Stille Nacht" durch den Chor vorsieht, welches nach einem kurzen
Gemeindegesang auf die Predigt mit Segensspruch einstimmen soll. Der Einsatz des Chors für das heute allgemein geläufige
Weihnachtslied ist verständlich, weil die Gottesdienstbesucher in ihrem für den flüssig-würdevollen Gemeinde-Gesang
unerlässlichen Gesangbuch das "Stille-Nacht-Lied" vergeblich gesucht hätten.22
Obwohl das handschriftliche Curriculum weder eine Jahresangabe noch einen Verfasser vermerkt, ist davon auszugehen, dass ein
Gemeindepfarrer im Herzogtum Sachsen-Meiningen es kurze Zeit nach 1867 angefertigt und in sein eigenes Gesangbuch eingeklebt hat.
Unwahrscheinlich ist wohl, dass es von einem Kandidaten des Thüringer Predigerseminars Eisenach, aus dem das Gesangbuch
laut Stempeleintragung stammt, erstellt worden ist, denn die in der Bibliothek des Seminars vorhandenen Bücher waren nicht
Eigentum der Kandidaten, sondern standen diesen nur für die Vorbereitung zur Verfügung. Ein in der Ausbildung befindlicher
Kandidat hätte es kaum gewagt, seine persönlichen Aufzeichnungen in ein entlehntes Buch einzukleben. Andererseits hätte das
Bibliothekspersonal ein "vergessenes" Blatt sicher nicht eingeklebt und eine spätere archivarische Sicherung des
Fundes durch dauerhafte Verbindung wäre nicht ohne entsprechenden Vermerk geschehen.
Der Besuch im Archiv des Rauhen Hauses brachte für die "Stille-Nacht"-Forschung wichtige Anhaltspunkte. Zum einen sind
die vermuteten Aufzeichnungen Wicherns über die Verwendung von Weihnachtsliedern in der sozialpädagogischen Arbeit seines Hauses
nicht in Hamburg, sondern wahrscheinlich im Zentralarchiv der Diakonie in Berlin, zu finden.
Zum anderen bietet die Biographie von Wicherns ältester Tochter, Caroline Wichern (1836-1905) Hinweise auf eine Querverbindung
zum 1859 von Johannes Brahms gegründeten Frauenchor in Hamburg.
Bei den Vorarbeiten zu ihrem 1984 erschienenen thematisch-bibliographischen Brahms-Werke-Verzeichnis waren die Musikologen
Margit und Donald McCorkle unter anderem auf die Partituren- und Stimmhefte der Brahms-Schülerin und Chorsängerin Franzisca
Meier (verheiratete Lentz) gestoßen, in denen eine dreistimmige Bearbeitung des Liedes "Stille Nacht! Heilige Nacht!"
enthalten war.23 Vor der offiziellen Gründung des Frauenchors hatte Brahms bei seinen häufigen Besuchen in dem an der Elbchaussee
gelegenen Landhaus der " ursprünglich aus Schottland stammenden " Hamburger Kaufmannsfamilie Parish aus eigenen und
fremden Vokalwerken bereits mit einem ausgewählten Frauenkreis geprobt, zu dem auch die Tochter des Hauses Harriet Parish und
deren engste Freundin Caroline Wichern gehörten. Es ist stark zu vermuten, dass Caroline in diesen Kreis das von ihrem Vater
herausgegebene und von ihr ergänzte und bearbeitete Liedgut einbrachte.24
Nach dem Tode des von ihr betreuten Vaters im Jahre 1881 gab die musikalisch und gesangspädagogisch ausgebildete Caroline
Wichern eine eigene Sammlung von Weihnachtsliedern heraus und wirkte bis 1895 als Gesangslehrerin am Ellerslie-College in
Manchester, einer Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen.25
Vieles deutet darauf hin, dass Caroline Wichern neben den Tiroler Sängerfamilien eine zweite Schiene für die Verbreitung des
"Stille-Nacht"-Liedes im angelsächsischen Raum gelegt hat.
Eine genauere Untersuchung der vermuteten Zusammenhänge muss der künftigen Forschung vorbehalten bleiben. Ebenso harren noch einige wichtige Gesangbuch-Sammlungen der Sichtung, insbesondere scheint im Magdeburger Landeskirchenarchiv in jüngster Zeit eine Reihe von Archivbeständen zusammengeführt worden zu sein. Diesen Hinweis verdankt die Verfasserin den beiden engagierten Mitarbeitern (im 1-Euro-Job!) Michael Hopt, M.A., und Ulrich Neustadt, M.A., im Landeskirchenarchiv Kreuzkirche in Eisenach. Für die sorgfältige Durchsicht der Gesangbücher im Hinblick auf Positionierung des Stille-Nacht-Liedes und auf verwandte Weihnachtslieder insbesondere mit den Begriffen "still " Stille" kann anhand der bei dieser Forschungsreise gewonnenen Erkenntnisse ein Raster entwickelt werden, das die Bearbeitung der umfangreichen Bestände wesentlich erleichtern und eine ausreichende Quellenbasis schaffen wird.
Die Verfasserin bedankt sich bei den sehr entgegenkommenden und der Stille-Nacht-Lied-Forschung aufgeschlossen gegenüberstehenden ArchivarInnen und BibliothekarInnen des Landeskirchenarchivs Kreuzkirche in Eisenach, der Bibliothek des Predigerseminars Braunschweig, des Rauhen Hauses in Hamburg und des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses in Preetz.
Renate Ebeling-Winkler
Anmerkungen:
1 vgl. Herbst, Wolfgang: Das Stille-Nacht-Lied im deutschen Luthertum. - In: Salzburger Volkskultur, 25.2001, November, S. 52, Salzburg 2001
2 vgl. ebda. S. 52/53.
3 Anm.: Der Name Rauhes Haus geht auf eine frühere übereifrige Übersetzung der plattdeutschen Grundstücksbezeichnung "Ruges Hus" ins Hochdeutsche zurück. Während Hus korrekt übertragen wurde, hätte sich der Name des Vorbesitzers Ruge tatsächlich einer Übersetzung entzogen. vgl. Stubbe-da Luz, Helmut: Rauhes Haus. - In: Hamburg Lexikon. Helmut. Franklin Kopitzsch / Daniel Tilgner (Hg.):. Hamburg 1998. S. 390.
4 vgl. Evangelisch-lutherisches Gesangbuch für die Fürstentümer Reuß. - Gera 1911. - Landeskirchenarchiv Kreuzkirche in Eisenach (im Folgenden mit EIS abgekürzt), Signatur GB 0275 sowie Hildburghäusisches Gesangbuch für die kirchliche und häusliche Andacht. - Hildburghausen 1867. - EIS, Signatur GB 0061 sowie Weimarisches Gesangbuch . nebst einem Anhang zur gottesdienstlichen und häuslichen Andacht. - Weimar 1860. - EIS, Signatur GB 0061 sowie Gesangbuch für die Landeskirche des Herzogtums Sachsen-Altenburg. - Altenburg 1900. - EIS, Signatur GB 0016
5 vgl. Gothaisches Gesangbuch für die öffentliche Gottesverehrung und für die häusliche Andacht. - Gotha [1825 s. Vorbericht!]. - EIS, Signatur GB 0032. - Entwurf eines Evangelischen Gesangbuchs. - Gotha 1894. - EIS, Signatur GB 0035
6 vgl. Evangelisches Gesangbuch für Ost- und Westpreußen. Unter Zustimmung der Provinzialsynode vom Jahre 1884 und mit Genehmigung des Evangelischen Ober-Kirchenrats hrsg. vom Königlichen Konsistorium der Provinzen Ost- und Westpreußen. - Königsberg i. Pr. 1897. - Bibliothek des Predigerseminars Braunschweig (im Folgenden BRA abgekürzt), Signatur 1897 [Ost- u. Westpreußen]
7 vgl. Evangelisches Gesangbuch für Brandenburg und Pommern. [Ausgabe A] - Berlin, Frankfurt / Oder 1931. - Bibliothek
des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses in Preetz (Im Folgenden PRE abgekürzt), Signatur H.22
Anm.: Im Vorwort heißt es wörtlich: "Das Evangelische Gesangbuch für Brandenburg und Pommern hat drei Teile und einen Anhang.
Der erste Teil enthält die Lieder des Deutschen Evangelischen Gesangbuches, die den einheitlichen Grundstock für die meisten
neueren evangelischen Gesangbücher in Deutschland bilden, Nr. 1-342. Der zweite Teil bringt weitere, für die Gemeinden unserer
Heimat wertvolle Lieder, Nr. 343-530. Als dritter Teil folgen die geistlichen Volkslieder (für den Hauptgottesdienst nicht
geeignet), Nr. 531-583..." In diesem dritten Teil findet man unter Nr. 541 "Stille Nacht, heilige Nacht!" mit der Angabe
des Textdichters "Josef Mohr, 1792-1848" und der Angabe des Komponisten "Franz Gruber, 1813 (!)".
[Hervorhebungen nicht im Original].
vgl. auch Gesangbuch zum Gebrauche in Kirche, Schule und Haus für die Herzogtümer Sachsen-Coburg und Gotha. - Gotha 1917. - EIS,
Signatur GB 0055
8 vgl. Gesangbuch für evangelisch-lutherische Gemeinden im russischen Reiche. Nebst einem Anhange. - St. Petersburg
1898. - BRA, Signatur 1898 [St. Petersburg];
Evangelisches Gesangbuch. Geistliche Lieder ausgewählt insbesondere für den Gebrauch bei Haus-Gottesdiensten. - Jerusalem:
Druck und Verlag des Syrischen Waisenhauses, 1905. - PRE, Signatur H.501; Deutsches Evangelisches Gesangbuch vom Deutschen
Evangelischen Kirchenausschuß den deutschen evangelischen Gemeinden des Auslandes dargeboten. - Berlin o.J. - PRE, Signatur H.50;
Christliche Vereinslieder, herausgegeben vom Christlichen Verein Junger Männer zu Hamburg. - Hamburg 1899. - PRE, Signatur H.499;
Posener Kinderharfe. Gesangbuch für Kindergottesdienste in der Provinz Posen, herausgegeben von D.[r.theol.] A. Saran,
Superintendent in Bromberg. - Bromberg 1911. - PRE, Signatur H.516; Liederbuch für Hamburger Kindergottesdienste. - Hamburg
1913. - PRE, Signatur H.525; Unsere Missionslieder für äussere und innere Mission. - Breklum 1908. - PRE, Signatur H.486;
Liederbuch der Christlichen Gemeinschaft St. Michael [einer freikirchlichen evangelischen Glaubensgemeinschaft mit
Missionszielen. D. Verf.]. Noten-Ausgabe. - Berlin 1899. - BRA, Signatur 199 [Berlin]; Katholisches Feldgesangbuch. -
Berlin o.J. - PRE, Signatur H.508
9 vgl. Herbst, a.a.O. S. 53 sowie Archiv des Rauhen Hauses, Signatur G VI 2210. Ex. 3 und G VI 2208.
10 vgl. Herbst, Wolfgang: Den Welterfolg mit geebnet. Wie die Franckeschen Stiftungen zur Verbreitung des Liedes
"Stille Nacht" beitrugen. - In: Die Kirche (online). Wochenzeitung für Anhalt und die Kirchenprovinz Sachsen.
Nr. 52 vom 26.12.2004. http://www.kirchenprovinz.de/46505.htm/52/2004 Kultur. vgl. auch: Godazgar, Peter: Stille Nacht hat
seinen Ursprung auch in Halle. - In: Mitteldeutsche Zeitung vom 23.12.2004 und mz-web.de vom 24.12.2004. -
http://www.mzweb.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1102778780471&openMenu=987490165154&called
PageId=987490165154&listid=994342720546
Anm.: Bedauerlicherweise enthält der Artikel von Peter Godazgar keinen Hinweis auf das Erscheinungsjahr der vorgestellten
Liedersammlung. Bei der von ihm so genannten "Ersten Fassung" dürfte es sich also um die in der 4. Auflage vorhandene
Fassung nach dem Dresdner Liedblattdruck von 1833 handeln.
Die Verfasserin verdankt den Hinweis auf den Bericht in der Mittedeutschen Zeitung der aufmerksamen Beobachtung des Kollegen
Manfred W.K. Fischer.
11 vgl. Ebeling-Winkler, Renate: Auf den Spuren von "Stille Nacht! Heilige Nacht!" in Norddeutschland. In: Thomas Hochradner (Hg.) "Stille Nacht! Heilige Nacht!" zwischen Nostalgie und Realität. - Salzburg 2002. S. 181, Anm. 7.
12 vgl. Christliches Gesangbuch für die evangelischen Gemeinden des Fürstentums Minden und der Grafschaft Ravensberg mit Bethel-Anhang. Ausgabe mit Noten. - Bethel bei Bielefeld 1925. - PRE, Signatur H.143
13 vgl. Jugend Gesangbuch, Herausgegeben im Auftrage der Ev. Schule für Volksmusik, Spandau/Ev. Johannesstift. - Berlin-Spandau: Wichern-Verlag, Ev. Johannesstift, 1930. - PRE, Signatur H.518
14 vgl. Laube, Stefan: Protestantismus und Pracht. - In: Süddeutsche Zeitung Nr. 244 vom 22/23.10.2005, S. 14. Der anlässlich der Einweihung der evangelisch-lutherischen Frauenkirche in Dresden erschienene Aufsatz ist aus dem Vortrag "Konfessionelle Hybridität" entstanden, den der Verfasser bei mehreren wissenschaftlichen Tagungen gehalten hat.
15 vgl. Evangelisches Gesangbuch für Elsaß-Lothringen. - Straßburg 1907. - EIS, o. Sign. sowie Gesangbuch für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. - o. J. [um 1927]. - EIS, o. Sign. vgl. auch Evangelisches Gesangbuch für Brandenburg und Pommern [Ausgabe A]. - Berlin, Frankfurt/Oder 1931. - PRE, Signatur H. 22.
16 vgl. Evangelisches Gesangbuch für Ost- und Westpreußen. Unter Zustimmung der Provinzialsynode vom Jahre 1884 und mit Genehmigung des Evangelischen Ober-Kirchenrats hrsg. vom Königlichen Konsistorium der Provinzen Ost- und Westpreußen. - Königsberg i. Pr. 1897, S. 769 und S. 774. - BRA, Signatur 1897 [Ost- u. Westpreußen]
17 vgl. Bremer Gesangbuch. - Bremen 1923. - PRE, Signatur H o.Z.
18 vgl. Herbst, a.a.O. S.53.
19 vgl. Neues Gothaisches Gesangbuch für die öffentliche Gottesverehrung und für die häusliche Andacht. Gotha 1836. - EIS, Signatur GB 0030; Gesangbuch zum gottesdienstlichen Gebrauche den Stadtkirchen zu Leipzig. - Leipzig 1865. - PRE, Signatur H. o.Z. sowie Gesangbuch für die Evangelisch-reformirte Kirche der deutschen Schweiz. - Basel 1897. - BRA, Signatur 1897 [Basel]
20 vgl. Laube, a.a.O.
21vgl. Evangelisches Kirchen-Gesangbuch. Ausgabe für die Vereinigte Evangelisch-protestantische Landeskirche
Badens. - (Karlsruhe 1951), S. 72. - PRE, Signatur H.11
Anm.: Der nachlässigen Umgang mit den geographischen Daten Mohrs - "Hilfsprediger in Oberdorf (!)" und "Vikar in
Wagrein (Salzkammergut) (!)" - ist sicher nicht auf diese Geringschätzung des katholischen Liedes "Stille Nacht!
Heilige Nacht" zurückzuführen, denn auch das Gesangbuch für die Evangelisch-lutherische Kirche des Herzogtums Braunschweig
von 1902 (EIS, o.Sign.), das dem Stille-Nacht-Lied einen Platz im liturgischen Hauptteil einräumt, ist vor diesem Fehler nicht
gefeit.
22 vgl. Hildburghäusisches Gesangbuch für die kirchliche und häusliche Andacht. - Hildburghausen 1867. - EIS, Signatur
GB 0061.
Anm.: Beim Hildburghäusischen Gesangbuch von 1867 handelt es sich offensichtlich um ein Relikt aus der Selbständigkeit des
Herzogtums Sachsen-Hildburghausen, dessen Staatsgebiet 1826 durch "Umschichtung" im Herzogtum Sachsen-Meiningen
aufgegangen war.
23 vgl. Ebeling-Winkler, a.a.O. S 181, Anm. 16.
24 vgl. Friederichs, Elisabeth: Caroline Wichern. Bielefeld, Leipzig: Velhagen & Klasing 1926. - (Velhagen & Klasings deutsche Lesebogen. Materialien zum Arbeitsunterricht an höheren Schulen. Nr. 59: Führende Frauen. 6. Heft), S. 6 und 9.
25 vgl. ebda. S.14 f.
Wortgeschichtliches in „Stille Nacht“
Dr. Dominik Brückner
Wissenschaftlicher Angestellter in der Abteilung Lexik am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim
Kontakt: brueckner@ids-mannheim.de
Der folgende Text wurde in anderer Form als erster Vortrag in der Reihe “Sprechen über Sprache” des Literaturbüros Freiburg am 20. 12. 2005 in Freiburg gehalten.
Von Dominik Brückner
In alten Texten gibt es viele Wörter, die wir heute entweder gar nicht mehr verstehen, oder nicht mehr so, wie sie ursprünglich von ihren Verfassern gemeint waren. Der Sprachwandel ist dafür verantwortlich, dass bereits in Texten, die etwa 100 Jahre alt sind, solche Wort- oder Wortbedeutungsdifferenzen in merklicher Zahl vorkommen. Wir können davon ausgehen, dass ein Text, der zwischen etwa 1750 und 1900 entstanden ist, auf einer durchschnittlichen Textseite ca. 5 bis 10 solcher differenter Wörter enthält.1 Diese Menge an differenten Wörtern macht zwar das Erfassen des Inhalts in groben Zügen noch nicht gänzlich unmöglich – wie dies etwa bei althochdeutschen oder zumindest frühmittelhochdeutschen Texten der Fall ist – sie ist aber bereits groß genug, ein genaues Textverständnis zu gefährden. Daher ist es wichtig, sich dieser Differenzen bewusst zu sein, gerade bei Texten, die uns zeitlich wie sprachlich (und aus weiteren möglichen Gründen) so nahe sind, dass sie uns kaum auffallen.
Alte Wörter finden sich natürlich in alten Texten, andere geraten aus anderen Gründen hinein, etwa wenn der Autor seinem Text durch die Verwendung alter Wörter und Bedeutungen, aber auch alter Satzstellung und ähnlicher archaisierender Mittel, eine Patina verleiht, die moderne Texte nicht haben.2 Viele unserer Kirchenlieder stammen z.B. noch aus dem 16., 17. oder 18. Jahrhundert, und es ist selbstverständlich, dass die Wörter in einem Lied etwa von Martin Luther genauso sprachlich veralten wie der Text selbst. Andere, und zu diesen gehört auch Mohrs “Stille Nacht!”, sind jünger, versuchen aber, durch die Verwendung von nicht mehr oder nicht mehr ganz aktuellen lexikalischen Mitteln, sich in eine Tradition einzufügen, die Modernität als stilistisches Mittel eher zu vermeiden sucht.
Im Folgenden wird es darum gehen, die historischen Bedeutungen einiger Wörter in “Stille Nacht!” zu aktualisieren und sie so zu beschreiben, wie sie Mohr entgegengetreten sein könnten, und wie er sie, davon ausgehend, in seinem Text verwendet haben könnte. Diese wortgeschichtlichen Erkenntnisse können dann für das wissenschaftliche, vor allem aber für das breite öffentliche Textverständnis und die Interpretation des Liedes fruchtbar gemacht werden. So soll im Folgenden über die reine Wortgeschichte hinaus gezeigt werden, wie die lexikologische Analyse zur literaturhistorischen Einordnung des "Stille-Nacht!"-Textes beitragen kann.
Dass ein Neu-Lesen im Sinne historischer Wortforschung nötig ist, zeigen einige Missverständnisse, die in den letzten Jahren z. T. auch publiziert wurden, und in einigen Fällen zu kuriosen Fehlinterpretationen führten.3 Dass z. B. der in der ersten Strophe “hold” genannte Knabe nicht einfach schön sein kann, müsste schon die Frage zeigen, warum uns Mohr von allen besonderen Eigenschaften des Gottessohns ausgerechnet die im christlichen Kontext am wenigsten relevante, nämlich sein äußeres Erscheinungsbild, hätte beschreiben wollen. Ein unmittelbares Wortverständnis (nicht: Textverständnis) ist also bereits problematisch geworden.
Klargestellt soll an dieser Stelle jedoch werden, dass eine Reihe von Worterklärungen eine Textinterpretation im literaturwissenschaftlichen Sinne weder sein will noch sein kann. Ein genaues Wort- und Textverständnis ist allerdings die unabdingbare Basis für jede Interpretation, die sich nicht den Vorwurf gefallen lassen will, unhistorisch zu sein.
Dem Folgenden soll die Textfassung zugrundelegt werden, die durch das sogenannte Gruber-Autograph VII, eine undatierte Fassung, die vermutlich um 1860 entstanden ist, dokumentiert wird. Sie trägt den Titel: "Kirchenlied / auf die / heilige Christnacht." und befindet sich heute im Salzburg Museum.
Der Rückbezug auf das Autograph ist aus verschiedenen Gründen wichtig, da in vielen heute abgedruckten Fassungen der Text derart entstellt ist, dass er stellenweise kaum noch verstanden werden kann. In der dritten Strophe z. B. zeigt die moderne Kommasetzung, dass man, aufgrund der Leseorientierung an den Versen, den Satzzusammenhang nicht mehr verstanden hat und ihn - und das ist das eigentlich Fatale - durch diese Kommasetzung unverständlich gemacht hat (vgl. die gängige Fassung "Heilige Nacht! Die der Welt Heil gebracht, Aus des Himmels goldenen Höhn, Uns der Gnaden Fülle lässt sehn, Jesum in Menschengestalt!" mit unzusammenhängenden Satzbruchstücken, dagegen: “Heilige Nacht, die der Welt Heil gebracht, [und] aus des Himmels goldenen Höhn Uns der Gnaden Fülle lässt seh´n [nämlich wen?] - Jesum in Menschengestalt” mit durchgängiger und durchsichtiger Syntax). Im Folgenden wird es daher hin und wieder nötig sein, auch syntaktische Zusammenhänge zu klären.
In einer linguistischen Publikation zu “Stille Nacht” heißt es, “zwei der Wörter” zeigten “noch alte Wortbedeutungen”.4 Dies ist stark untertrieben: Wohlwollend geschätzt sind es über 20! Von diesen können im Folgenden nur einige wenige betrachtet werden, gerade die theologisch interessanten Ausdrücke müssen dabei vernachlässigt werden, da sie einer ausführlicheren und theologisch reflektierten Darstellung bedürfen.
1. “einsam”
Das Wort “einsam” hat um 1800 noch nicht unsere heutige stark psychologisierte Bedeutung: Einsamkeit ist kein soziales Phänomen mit psychischen Auswirkungen, die in verschiedenen Krankheitsbildern resultieren können, “einsam” ist viel konkreter zu verstehen: Johann Christoph Adelung erläutert in seinem Grammatisch-kritischen Wörterbuch: “allein, von Dingen seiner Art entfernt”5, gibt also eine sehr einfache und konkrete Bedeutung an. Das Wort hat zudem ein etwas breiteres Spektrum: es kann auch bedeuten: ‚der menschlichen Gesellschaft beraubt sein’, ein einsamer Ort ist demnach ein Ort, in dem nicht einer alleine wohnt, sondern ein Ort, in dem niemand wohnt. Maria und Joseph sind also, der Wortbedeutung gemäß, zu zweit allein.
Neu ist um 1800, vor allem in der Literatur, die Verwendung des Wortes für die Abwesenheit eines Geräusches der menschlichen Gesellschaft: “Einsame Nächte” “Die einsame Stunde der Mitternacht” oder “Ein einsames stilles Vergnügen” sind Momente der Stille, in denen das menschliche Treiben nicht zu hören ist.6
Die Einsamkeit, die hier gemeint ist, ist also nicht, wie heute, negativ besetzt, sie ist vermutlich überhaupt nicht gewertet; hier geht es nur um die Abwesenheit menschlicher Gesellschaft und ihrer Geräuschkulisse - ein Bedeutungszusammenhang, der sich allerdings erst entfaltet, wenn man die Worte “Stille Nacht” und “alles schläft” in die Betrachtung mit einbezieht, dem ähnlich wie heute polysemen Wort alleine ist dies nicht anzusehen.
2. “wachen” ist ein gemeingermanisches Wort, das außerhalb des Germanischen verwandt ist mit lat. “vegetus”, ‚lebhaft, munter’, “vigor”, ‚Kraft’, “vigil”, ‚wach, munter’, und “vigilia”, ‚Wache’.7 Die ursprüngliche Bedeutung war also ‚lebendig, lebenskräftig sein’, später erst eingeschränkt auf ‚nicht schlafen’. Es geht also nicht um ein Wache-Halten im Sinne von “bewachen” oder “Wache stehen”.8 Tatsächlich ist dieses “wacht” aber so verstanden worden, sogar in der allerneusten Literatur zu “Stille Nacht”. Dort heißt es: “Die Eltern des neugeborenen Kindes [...] halten inmitten einer schlafenden Umgebung [...] Wache”9.
Wenden wir uns einem kompetenten Zeitgenossen zu. Gottfried August Bürger (1747–1794) schreibt:
mein falscher mir erschien
fast schwür’ ich, dass ich hell gewacht,
so hell erblickt’ ich ihn.”10
Doch “wachen” hatte im späten 18. und frühen 19. Jh. noch weitere Bedeutungen: Johann Christoph Adelung schreibt, es heiße auch: “ununterbrochene Sorge für etwas tragen”, also “beschützen” und er gibt folgende Verwendungsbeipiele: “Für das Beste des Landes, für seine Ehre wachen” und “Die über alles wachende Vorsehung”.12 Im Text von “Stille Nacht” ist vermutlich eine Kombination von beidem gemeint: dauerndes Wachbleiben einerseits, aber mit einer Schutzaufgabe andererseits: ‚ununterbrochene Sorge für das Christuskind tragen’.
3. “traut”
Althochdeutsch/mittelhochdeutsch trût bedeutete ‚lieb’, ‚geliebt’.13 Dieser Sinn verblasste nach und nach. Schon im 16. Jh. wurde es nur noch formelhaft in der Anrede gebraucht: “miin truten moder, miin truten kind”14. Im 17. Jh. wurde es, wie das DWB formuliert, “durch die schäferliche poesie etwas aufgefrischt”15, wird aber außerhalb der Poesie immer seltener, wie wir aus Wörterbüchern des 17. und 18. Jh. wissen. Adelung schreibt 1774, es sei veraltet.16 Gleichzeitig erfährt es aber eine erneute Wiederbelebung in der Lyrik des Göttinger Hains, von wo aus es in die klassische und romantische Dichtung gelangt. “Traut” ist also über lange Zeit ein ausgesprochenes Lyrikwort, das konnten auch eigene Recherchen bestätigen.
Im Neuhochdeutschen bedeutet es ‚lieb’, ‚geliebt’, ‚vertraut’, ‚anheimelnd’.17
Mohr war natürlich bewusst, dass Maria und Joseph nicht einander angetraut, also verheiratet waren - das Wort hat mit “Trauung” nichts zu tun; es wird aber von liebenden Personen gebraucht: von Liebenden untereinander, zum Mann wie zur Frau: “Traut Liebchen! Ich rufe dir zu”18, “Trautester! Hast du mich lieb”19, aber auch zu anderen Familienmitgliedern, wie zum Vater, zum Sohn, zur Tochter etc. Dann auch von Dritten, über Liebende: “Frewt Euch, trautstes Paar” schreibt Simon Dach im 17. Jahrhundert.20 Selbst von Gegenständen, mit denen man einen persönlichen oder emotionalen Wert verbindet, kann das Wort gebraucht werden. Ein wichtiger Bereich sind dabei religiöse Gegenstände und Personen: “O Herr Jesu, mein trautes Gut” oder “Hab Dank, du trauter Gottessohn” sind typische Verwendungen, und natürlich darf auch das “traute süße Jesulein” nicht fehlen.21 Das Wort gehört damit wie z. B. auch “selig” zu denjenigen Adjektiven, die sowohl im religiösen Bereich als auch im thematischen Bereich der Liebe Verwendung finden - vermittelt vor allem durch literarische Strömungen mit religiösem Hintergrund bzw. Nährboden, wie etwa die Empfindsamkeit. Zwei der Quellen für den Mohrschen Wortgebrauch sind also die Literatur, besonders die Lyrik seiner Zeit und der reiche Vorrat an Archaismen, den diese Texte bieten.22
Thomas Krisch hat vor einigen Jahren vorgeschlagen, hier die mittelalterliche Bedeutung ‚zum Gefolge gehörig’ anzusetzen.23 Es stimmt zwar, dass das Wort im Mittelalter auch diese Bedeutung hatte, und sogar Maria und Joseph als Gefolgsleute des Herrn bezeichnet wurden, aber Adelung kennt, wie Krisch selbst sagt, diese Bedeutung nur noch als “ehedem gebräuchlich” und betont: “In dieser Bedeutung wird es jetzt nicht mehr gebraucht”.24 Es ist daher zu vermuten, dass Mohr dieser Wortgebrauch nicht mehr bekannt war.25
4. “hold”
“Hold” ist ein Wort, das heute wohl nur noch archaisierend oder scherzhaft verwendet werden kann. Man charakterisiert damit äußerliche Reize schöner Frauen, auf Männer ist es ohne ironische Note wohl gar nicht mehr zu beziehen.26 Bei Gottfried August Bürger heißt es:
die holde, die ich meine, lacht!”27
Das Kind in der Krippe wird hier also weder als schön noch als lieblich oder anmutig bezeichnet. Dennoch finden wir auch dieses Wortverständnis in neueren Publikationen zu “Stille Nacht”, wenn es etwa heißt, das “Elternpaar” - schon hier müsste man angesichts einer Jungfrauengeburt hellhörig werden - werde zum Zentrum der Verehrung des “hübsch aussehenden Kindes”.30 Die äußerliche Schönheit ist sicher die letzte seiner Eigenschaften, die an Weihnachten von Interesse wäre.
Um diese Stelle zu verstehen, muss man erneut die Geschichte und die Etymologie des Wortes betrachten31: So kann man jemandem hold sein (bis heute gebräuchlich ist die Wendung "das Glück ist ihr/ihm hold"). Das zugehörige Substantiv lautet dann “Huld”. Beide Wörter wiederum hängen mit “Halde” zusammen. Im Alemannischen z. B. bezeichnet man mit “Halde” vor allem einen Abhang, eine geneigte Fläche also. Das Verb “halden” oder “hälden” ist heute ganz selten, es findet sich nur noch im alemannischen Dialekt. Es bedeutet ‚sich neigen’.32
Schon im Mittelalter wird die Wortfamilie im übertragenen Sinne gebraucht: Menschen sind einander geneigt bzw. einander zugeneigt. Im Mittelalter war damit ein konkretes soziales und rechtlich relevantes Gefälle gemeint: Als “Huld” wurde die Abhängigkeit bzw. Treueverpflichtung des Lehnsmannes zum Lehnsherrn oder die feierliche Bekräftigung derselben bezeichnet. Noch bei Martin Luther ist die Rede von “den ienigen, so mit leib und gut unter Ihrem [des Kaisers und der Fürsten] schutz leben sollen und mit eiden und hulden verbunden sind”.33
Ein Holde ist damit einer, der zu einem Herrn im Untertanenverhältnis steht. Der Ausdruck “Grundholde” war im frühen 19. Jh. in Österreich noch üblich. Man bezeichnete damit einen Untertan, der, wie Adelung schreibt, “dem Grunde und Boden anklebet”34 , d. h. der ohne Zustimmung des Grundherren dessen Gut nicht verlassen kann; eine Art der Leibeigenschaft.
Da das mittelalterliche Lehnssystem auch auf das Verhältnis der Menschheit zu ihrem “Herrn” übertragen wurde - eine Vorstellung, die sich, sogar gebunden an die Semantik von "Huld", noch im 18. und 19. Jahrhundert findet35 -, wundert es nicht, wenn auch diesem gegenüber Huld an den Tag gelegt werden musste. Aber schon früh verallgemeinerte sich die Bedeutung, so dass Huld auch vom Herrn gegenüber seinen “Untertanen” bezeigt werden konnte.36 Man ist einander wechselseitig gewogen, geneigt bzw. zugeneigt, oder, wie Adelung es formuliert, geneigt, “des andern Glück gern zu sehen”37 : Der Jesusknabe ist also nicht schön, er ist den Menschen geneigt, indem er hold ist, bezeigt er Huld. In der 4. Strophe wird das noch deutlicher, wenn es im Bild der Gleichstellung von Mensch und Menschgewordenem heißt: “Und als Bruder huldvoll umschloß Jesus die Völker der Welt”.
Eine ähnliche Verwendung findet sich in Goethes Gedicht “Auf dem See”:
Saug' ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!”38
Ebenfalls bereits veraltend sind die Gegenwörter zu “hold”, “abhold” und “Unhold”: Ein Unhold ist zunächst einer, der Gott, seinem höchsten Herrn, nicht geneigt ist, später wird dies auf jegliche Art der Abneigung ausgeweitet.39 Seine heutige Bedeutung erhält das Wort dann, wenn sie sich seit dem 17. Jh. zusammen mit der von “hold” von ‚Abneigung’ bzw. ‚Neigung’ zu 'eine Abneigung im anderen auslösend' bzw. 'eine Neigung im anderen auslösend' verschiebt.
Die fünfte Strophe wartet mit einem recht schwierigen Satz auf: “Stille Nacht! Heilige Nacht! Lange schon uns bedacht, als der Herr vom Grimme befreit, in der Väter urgrauer Zeit aller Welt Schonung verhieß” Man kann anhand der Wortbedeutungen vor allem die zeitliche Dimension dieses Satzes sehr klar bestimmen.
5. “bedacht”
“bedenken” meint hier nicht, wie heute, ‚erwägen’ oder ‚überlegen’. Das Partizip “bedacht” wird heute nur noch resthaft in der Bedeutung verwendet, die hier anzusetzen ist: wenn jemandem etwas bedacht ist, dann ist ihm etwas bestimmt oder zugedacht, er soll mit etwas beschenkt werden (“mit Rosen bedacht”). Im Satzzusammenhang ist also gemeint: die Nacht der Geburt Christi war uns schon lange zugedacht oder bestimmt.
Das Wort ist um 1816 in dieser Bedeutung bereits veraltet.40 Selbst in der Lyrik ist sie selten geworden. Es findet sich aber eine ähnliche Stelle aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In Robert Reinicks Gedicht “Sonntags am Rhein” heißt es:
In seiner vollen Pracht,
Mit Lust und Liedern allerhand
Vom lieben Gott bedacht.”41
6. “Grimm”
Mit dem Wort “Grimm” bezeichnete man zu der Zeit von Mohr und Gruber einen besonders hohen Grad des Zorns und nicht, wie heute meist, den unterdrückten Zorn.42 Wie heftig dieser sein konnte, zeigt eine Stelle aus dem Gedicht “Der Tod des Tiberius” von Emanuel Geibel, wo es heißt:
O wie das brennt! Doch grimmer brennt das Denken
Im Haupt mir; ich verfluch' es tausendmal”43
7. “der Väter urgraue Zeit”
“ur-” ist die Bezeichnung des Ersten, anfänglich Vorhandenen, Ursprünglichen, Unabgeleiteten, Originalen, und Unverfälschten: Man sagt “Uranfang”, “Urnacht”, “Urwelt”. Dies wird meist zeitlich verstanden. Oft aber wird “ur-” auch schlicht in der Steigerung verwendet, zur Bezeichnung eines hohen Grades, wie in “uralt”, ‚sehr alt’ oder in "urbayerisch".44
Im “Stille-Nacht!”-Text ist es sicher zeitlich gemeint. Damit eröffnet sich die Frage, warum die Vorzeit eigentlich grau ist:
“Grau” bedeutet ursprünglich ‚glänzend’, ‚strahlend’ , das ist der Grund, warum bei uns der Morgen graut. Seit dem Mittelalter werden mit dem Wort dann verschiedene Grade der Mischung von Schwarz und Weiß bezeichnet. Eine Übertragung auf das Menschenalter bietet sich dabei schon früh an, wohl aufgrund der grauen Haarfarbe älterer Menschen. Dann findet eine erneute Übertragung statt, in abstrakte zeitliche Verhältnisse. Dabei bleibt das Wort aber zunächst nicht auf vergangene Zeiten beschränkt, es gibt, vornehmlich in der Barocklyrik, auch eine graue Zukunft. Im DWB ist die Bedeutung 'in ferner Zukunft liegend' verzeichnet, belegt unter anderem durch die Stelle: “würde nicht der Hunnen Ruhm bis in graue Zeiten schimmern?” (1757) Gängiger ist bis heute aber die Wendung in Bezug auf die Vergangenheit: So sagt Schiller:
“urgrau” ist außerhalb unseres Textes selten belegt, es findet sich aber vereinzelt. So heißt es bei Felix Dahn in “Ein Kampf um Rom”:
Auch das Wort “Schonung” hat seine Bedeutung seit dem 19. Jahrhundert um Nuancen verändert.
8. “Schonung”
“Schonung” hängt mit “schön” zusammen. Von diesem alten Adjektiv, oder besser, von dem damit eng verwandten Adverb “schon”, ist im Mittelalter ein Verb “schônen” abgeleitet worden.52 Adjektiv und Adverb wurden damals in der Bedeutung ‚freundlich’, ‚rücksichtsvoll’ verwendet, “schônen” heißt also ‚in rücksichtsvoller Weise behandeln’. Das zugehörige Substantiv bedeutet bis heute ‚rücksichtsvolle Behandlung’. In “Stille Nacht!” ist aber, wie allgemein in der Zeit um 1800, der Gebrauch von Vorsilben noch nicht so festgelegt wie heute. An dieser Stelle würde ein heutiger Texter wohl eher von “verschonen” als von “schonen” sprechen, weil dieses eine vergleichsweise konkretere Bedeutung hat, nämlich ‚einer Person oder Sache ein eigentlich zugedachtes Übel doch nicht zufügen’, damit unterscheidet es sich von “schonen” durch die Komponente des gänzlichen Unterlassens der Kränkung oder Verletzung, während “schonen” eher ein Mildern meint als ein vollständiges Abwenden des Übels.
9. “verhieß”
“Verheißen” meint hier in etwa dasselbe wie “bedenken”, nämlich ‚versprechen’. “Heißen” bedeutet ursprünglich ‚mit Namen nennen’, ‚bezeichnen’, mittelhochdeutsch dann ‚mit Nachdruck nennen’ und ‚mittels Gelöbnis versprechen’, also ‚schwören’.53 Verschiedene Zusammensetzungen mit “heißen” übernehmen diese Bedeutung, doch nur bei “verheißen” bleibt sie erhalten. Um 1800 konnten Dinge von Gott, aber auch von der Natur, ihren Erscheinungen (wenn z. B. bei Hölderlin der Nordost den Schiffern eine gute Fahrt verheißt54 ) und natürlich von Mädchenblicken verheißen werden.55 Heute wird das Wort nur noch abstrakt (“das verheißt nichts Gutes”) oder im Zusammenhang mit Gott gebraucht, vermutlich wegen seines altertümlichen Klangs, aber auch deswegen, weil nur Gott sichere Voraussagen treffen kann. In diesem Zusammenhang bedeutet es dann nicht einfach ‚versprechen’, wie die meisten Wörterbücher behaupten56 , sondern ‚etwas Gutes versprechen’.
Die Zeitangabe “in der Väter urgrauer Zeit” bezieht sich also tatsächlich, wie bereits angedeutet wurde, auf die Sintflut. Nach dem Ende der Katastrophe errichtet Noah einen Altar und bringt dem Herrn ein Brandopfer dar. “Der Herr roch den beruhigenden Duft und der Herr sprach bei sich: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe.” Und Gott schließt über Noah einen Bund mit allen lebenden Wesen auf der Welt.57
In der letzten Strophe heißt es: “Heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht durch der Engel Alleluja”. Erneut ein syntaktisch nicht ganz einfacher Satz: Das Fehlen eines finiten Verbs und die Unmöglichkeit, Akkusativ und Nominativ deutlich zu unterscheiden, lässt uns fragen: wer macht hier wem was kund? Auch wenn andere Lesarten theoretisch möglich sind, ist natürlich das Heilig-Sein der Nacht gemeint, das den Hirten erst durch das Alleluja der Engel kundgemacht wurde.
Dennoch wirft der Satz noch einige Probleme auf, das können wir an dem unpassenden Komma in der heute verbreiteten Fassung erkennen:
10. “erst”
Die Verwendung von “erst” könnte immerhin vermuten lassen, dass hier gesagt würde, jemand hätte den Hirten ruhig früher Bescheid sagen können. “Erst” bedeutet hier jedoch ‚zuerst’: die Hirten haben die Nachricht von der Geburt Christi durch das Alleluja der Engel als Erste bekommen.58
11. “kundgemacht”
“Kundmachen” ist, auch wenn es auf den heutigen Leser nicht so wirkt, ein höchst unweihnachtliches Wort. Im Österreich von Mohr und Gruber hießen amtliche Bekanntmachungen “Kundmachung”.59 In Schillers Räubern lässt der hochlöbliche Magistrat einen Pater Karl Moor etwas kundmachen60 , und im DWB ist eine Stelle bei Christoph Martin Wieland zitiert, wo von einer “Kundmachung einer widergesetzlichen Verordnung” die Rede ist.61 Es handelt sich also eigentlich um einen juristischen Fachterminus der Zeit.
“kund” ist eigentlich ein Partizip von “können”, ahd. “kunnan”, mhd. “kunnen”.62 Anstatt allzu genau auf die Wortgeschichte einzugehen soll hier lediglich kurz darauf verwiesen sein, dass man etwas kann, weil man es erlernt, verstanden, erkannt oder kennengelernt hat. All diese Bedeutungen spielten in der frühen für uns erreichbaren Wortgeschichte eine Rolle. Damit jemand etwas versteht oder kann, muss es ihm jemand kundtun, dann kennt man es, und kann es auch: das Wort hat eine weit verzweigte Familie. “Kunde” gehört ebenfalls dazu: die Nachricht, Botschaft, Verlautbarung, ursprünglich aber die Kenntnis und die Lehre. Daher die heute noch gebräuchlichen Bezeichnungen “Naturkunde”, “Erdkunde” oder “Heilkunde”. kuntschaft ist mittelhochdeutsch entsprechend die Kenntnis, die Nachricht, die Botschaft oder die Bekanntschaft, der kunde ist zunächst einfach der Bekannte, dann der, der regelmäßig ein Geschäftsangebot wahrnimmt oder einen Laden besucht. Wer etwas kundmacht, macht es also bekannt, und nicht nur im amtlichen Sinne:
So heißt es bei Jesaia:
12. “bei”
Einer der neben der stellenweise absurden Kommasetzung auffälligsten Eingriffe in den Urtext betrifft das Wörtchen “bei” in der sechsten Strophe, das im Original anstelle vom heute gesungenen “von” steht. Tatsächlich wurde und wird “bei” im bairischen Dialekt anders verwendet als in unserer Standardsprache. Bekannt sind bairische Wendungen wie “bei der Nacht” für “in der Nacht”. Ganz ähnlich ist es hier: “bei Ferne und Nah” bedeutet ‚in der Ferne und in der Nähe’.64 Man hat dies bei der Änderung des Textes aber falsch übertragen, nämlich mit : “von fern und nah”. Aber “Christ der Retter ist da!” bzw. “Jesus der Retter ist da” tönt es nicht von hier und von dort hierher zu uns, sondern hier und dort, also ohne Bezug zum Hörenden. Hier wurde, wie auch an anderen Stellen, durch den Eingriff in den Text der Sinn vollkommen verändert.
Eine eingehende Untersuchung weiterer Ausdrücke wäre an dieser Stelle unabdingbar. Gerade die Analyse von Wörtern wie “Heil” oder “Gnade” verlangte wegen ihres ebenfalls bereits historisch gewordenen theologischen Gehalts eine umfassendere und theologisch reflektierte Darstellung, die an dieser Stelle leider nicht geleistet werden kann. Es zeichnet sich jedoch, auch aufgrund der vorangegangenen Untersuchungen v. a. Meiers und Krischs, der über den Wortschatz hinaus auch auf syntaktische (Genitivstellung in "in der Väter urgrauer Zeit") und morphologische ("lockigt") Phänomene hinweist, umso deutlicher ab, dass Mohr seinen Text bewusst in die Tradition romantischer Lyrik und religiöser Lyrik stellte, und damit deren Charakteristika, allen voran die sprachliche Archaisierung, für "Stille Nacht!" übernahm.
Anmerkungen:
1 Brückner, Dominik/Knoop, Ulrich: Das Klassikerwörterbuch. In: ZGL 31, 2003, S. 62 - 86.
2 Vgl. zum Stille-Nacht-Text v. a. Krisch, Thomas: Sprachwissenschaftliche Überlegungen zum Stille-Nacht-Lied. In: Hochradner, Thomas (Hrsg.): 175 Jahre "Stille Nacht! Heilige Nacht!". Symposiumsbericht (=Veröffentlichungen zur Salzburger Musikgeschichte. Hrsg. vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Salzburg 5). Salzburg 1994, S. 81 – 100 sowie allgemein zur Literatur des 19. Jh.: Leitner, Ingrid: Sprachliche Archaisierung. Historisch-typologische Untersuchung zur deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts (=Europäische Hochschulschriften, Reihe 1 Deutsche Literatur und Germanistik 246). Frankfurt am Main 1978
3 Vgl. zum Folgenden: Herbst, Wolfgang: Das "traute hochheilige Paar" und der "holde Knabe im lockigen Haar". In: Herbst, Wolfgang: Stille Nacht! Heilige Nacht! Die Erfolgsgeschichte eines Weihnachtsliedes. Zürich/Mainz 2002, S. 35 – 41, hier S. 35.
4 Krisch, Sprachwissenschaftliche Überlegungen 1994, S. 81 – 100, hier S. 83.
5 Vgl. hierzu und zum Folgenden Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen Bd. I, Wien 1811, Sp. 1733.
6 Adelung, a. a. O.
7 Vgl. hierzu Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage Berlin, New York 2002, S. 966.
8 Solche Unterschiede mögen sehr fein sein, sie sind aber vorhanden, weil sich die Sprache ständig verändert. Sie müssen deshalb gerade da herausgearbeitet werden, wo diese Veränderung besonders geringfügig ist, weil sie da nicht bemerkt werden - auf diese Weise entstehen die sogenannten “Falschen Freunde”. Ein vollkommen von unserem verschiedener Wortgebrauch dagegen ist jedem sofort offensichtlich, und das Verständnisproblem ist leicht zu lösen - während man es im anderen Fall oft gar nicht bemerkt.
9 Herbst, Das "traute hochheilige Paar" und der "holde Knabe im lockigen Haar" 2002, S. 35.
10 Bürger, Gottfried August: Bürgers Gedichte in zwei Teilen. Teil I: Gedichte 1789. Herausgegeben von Ernst Cosentius, 2. Auflage, Berlin/Leipzig/Wien/Stuttgart 1914, S. 138.
11 Grimm, Jacob/Grimm, Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Bd. XXVII W – Wegzwitschern. Bearbeitet von Karl von Bahder und Mitwirkung von Hermann Sickel. Nachdruck der Erstausgabe 1922, München 1984, Sp. 44. Im Folgenden: DWB.
12 Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. I, Sp. 1733.
13 Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch von Matthias Lexer. Zugleich als Supplement und alphabetischer Index zum Mittelhochdeutschen Wörterbuche von Benecke-Müller-Zarncke. Nachdruck der Ausg. Leipzig 1872-1878 mit einer Einleitung von Kurt Gärtner. Bd. II, Stuttgart 1992, Sp. 1550.
14 Dähnert, Johann Carl: Platt-Deutsches Wörter-Buch nach der alten und neuen Pommerschen und Rügischen Mundart. Stralsund 1781, S. 496.
15 DWB, Bd. XXI T – Treftig. Bearbeitet von Matthias Lexer, Dietrich Kralik und der Arbeitsstelle des Deutschen Wörterbuches. Nachdruck der Erstausgabe 1935, München 1984, Sp. 1548.
16 Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. IV, Sp. 357.
17 Vgl. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. Hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Bd. IX Tach - Vida, Mannheim 1999, Sp. 3955. Im Folgenden: Duden-GWB.
18 Uhland, Johann Ludwig: Gedichte (Ausgabe letzter Hand). Wohlfeile Ausgabe, 8. Auflage, Stuttgart 1861, S. 29.
19 Zit. nach DWB, Bd. XXI 1935/1984, Sp. 1548.
20 Dach, Simon: Weltliche Lieder. Hochzeitsgedichte. (=Dach, Simon: Gedichte. Hrsg. v. W. Ziesemer. Bd. I), Halle 1936, S. 180.
21 Justus Georg Schottel (1663), zit. nach DWB, Bd. XXI 1935/1984, Sp. 1552.
22 Vgl. zu solchen Bezügen Meier, Bernhard: Annotationen zu "Stille Nacht! Heilige Nacht!". In: Blätter der Stille Nacht Gesellschaft 41, 2003, S. 3f sowie Krisch, Sprachwissenschaftliche Überlegungen 1994, S. 81 – 100.
23 Krisch, Sprachwissenschaftliche Überlegungen 1994, S. 81 – 100, hier S. 83 – 87.
24 Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. IV, Sp. 357.
25 Die Verbindung einiger Wörter in “Stille Nacht” zur mittelalterlichen Lehnsterminologie (z. B. auch bei "hold", "Herr") wird zwar im Folgenden immer wieder aufzeigt werden, sie liegt aber wohl eher allgemein in der Geschichte des religiösen Wortschatzes begründet und nicht in Mohrs idiolektaler Kompetenz. Eine Interpretation dieser Stelle, die auf die Beschreibung Marias und Josephs als Lehnsleute ihres Sohnes hinausläuft, scheint zu weit hergeholt.
26 Vgl. Duden-GWB, Bd. IV Gele – Impr 1999, Sp. 1853, wo das Wort mehrfach als “iron.” markiert wird.
27 Bürger, Gottfried August: Bürgers Gedichte in zwei Teilen. Teil I: Gedichte 1789. Herausgegeben von Ernst Cosentius, 2. Auflage, Berlin/Leipzig/Wien/Stuttgart 1914, S. 64.
28 Vgl. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. II, Sp. 1262.
29 Ähnlich wie bei “traut” hängt dies vermutlich damit zusammen, dass “hold” einsilbig ist, Lyriker wählen aus metrischen Gründen in Situationen, wo ihnen die Wahl bleibt, häufig einsilbige Wörter. Wir sehen erneut, dass Mohr auf Wortgebrauchstraditionen der zeitgenössischen Lyrik zurückgreift.
30 Vgl. dagegen Herbst, Das "traute hochheilige Paar" und der "holde Knabe im lockigen Haar" 2002, S. 35 – 41, v. a. S. 35 und 37 sowie Meier, Annotationen zu "Stille Nacht! Heilige Nacht!" 2003, S. 3f.
31 Vgl. hierzu und zum Folgenden Kluge, Etymologisches Wörterbuch 2002, S. 385 und 418.
32 Vgl. hierzu Ochs, Ernst, Baur, Gerhard Wolfram, Müller, Karl Friedrich, Kluge, Friedrich: Badisches Wörterbuch. Hrsg. mit Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung Baden-Württemberg, vorbereitet von Friedrich Kluge u. a., begonnen und bearbeitet von Ernst Ochs fortgesetzt von Karl Friedrich Müller, weitergeführt und bearbeitet von Gerhard Wolfram Baur, Bd. II F/V, G, H, Lahr 1974, S. 538.
33 Luther, Martin: Vom Kriege widder die Türcken. In: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Gesamtausgabe) Bd. XXX, 3. Abteilung, Weimar 1909, S. 107 – 148, hier S. 131.
34 Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. II, Sp. 833.
35 "Im höchsten und vorzüglichsten Verstande bezeichnet dieses Wort in der deutschen Bibel und biblischen Schreibart, Gott, den höchsten Oberherren" Krünitz, Johann Georg: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft. Bd. XXIII Hemd - Hirse=Vogel, Berlin 1783, S. 74. Vgl. auch Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. II, Sp. 1131 sowie DWB, Bd. X H – Juen. Bearbeitet von Moriz Heyne. Nachdruck der Erstausgabe 1877, München 1984, Sp. 1733ff.
36 Vgl. hierzu auch Krisch, Sprachwissenschaftliche Überlegungen 1994, S. 81 – 100, hier S. 87.
37 Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. II, Sp. 1262.
38 Eibl, Karl (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. I. Frankfurt am Main 1987, S. 297.
39 Vgl. hierzu und zum Folgenden DWB, Bd. XXIV Un – Uzvogel. Bearbeitet von Karl Euling. Nachdruck der Erstausgabe 1936, München 1984, Sp. 1066.
40 Vgl. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. I, Sp. 779, s. v. "bedenken", wo diese Bedeutung unter 4) nur noch anklingt.
41 Auerbach, Berthold (Hrsg.): Lieder von Robert Reinick, Maler. Verlag von Ernst & Korn: 1863, S. 9.
42 Vgl. hierzu Pfeifer, Wolfgang: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 3.Auflage, München 1997, S. 477.
43 Stammler, Wolfgang: Geibels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Bd. II, Leipzig 1918, S. 86-90.
44 Vgl. DWB, Bd. XXIV Un – Uzvogel. Bearbeitet von Karl Euling. Nachdruck der Erstausgabe 1936, München 1984, Sp. 2357f.
45 Vgl. hierzu und zum Folgenden Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch 1997, S. 471.
46 Vgl. zum Folgenden: DWB, Bd. VIII Glibber – Gräzist. Bearbeitet von Theodor Kochs, Joachim Bahr und anderen Mitarbeitern in den Arbeitsstellen des Deutschen Wörterbuches zu Berlin und Göttingen. Nachdruck der Erstausgabe 1958, München 1984, Sp. 2071f.
47 Schönaich, Christoph Otto v.: Heinrich der Vogler; oder: die gedämpften Hunnen. Berlin 1757, S. 7.
48 Schiller, Friedrich: Die Jungfrau von Orleans. In: Schiller, Friedrich: Sämtliche Werke. Auf Grund der Originaldrucke herausgegeben von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert in Verbindung mit Herbert Stubenrauch, Band II, 3. Auflage, München 1962, S. 692.
49 DWB, Bd. VIII 1958/1984, Sp. 2094.
50 Dahn, Felix: Ein Kampf um Rom. Historischer Roman. Bd. II (=Dahn, Felix: Gesammelte Werke. Erzählende und poetische Schriften. Neue wohlfeile Gesamtausgabe. Erste Serie, Bd. II). Leipzig/Berlin o. J., S. 600.
51 Bechstein, Ludwig: Neues deutsches Märchenbuch. In: Bechstein, Ludwig: Sämtliche Märchen. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Walter Scherf, München 1971, S. 510.
52 Vgl. hierzu und zum Folgenden Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch 1997, S. 1236.
53 Vgl. hierzu und zum Folgenden DWB, Bd. XXV V – Verzwunzen. Bearbeitet von E. Wülcker, R. Meiszner, M. Leopold u. a. Nachdruck der Erstausgabe 1956, München 1984, Sp. 554 sowie Kluge, Etymologisches Wörterbuch 2002, S. 404 und 953.
54 Im Gedicht "Andenken", vgl. Schmidt, Jochen: Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte und Hyperion. Frankfurt am Main 1999, S. 360-362.
55 Einige Belege z. B. bei DWB, Bd. XXV 1956/1984, Sp. 558.
56 Vgl. z. B. Wahrig, Gerhard: Deutsches Wörterbuch. Mit einem "Lexikon der deutschen Sprachlehre". Neu hrsg. von Renate Wahrig-Burfeind. 7., vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln. Gütersloh 2000, S. 1330. Differenzierter Duden-GWB, Bd. IX Tach - Vida 1999, Sp. 3955.
57 Vgl. Gen 6 - 9
58 Vgl. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch Bd. I, Sp. 1941f.
59 DWB, Bd. XI K - Kyrie eleison. Bearbeitet von Rudolf Hildebrand. Nachdruck der Erstausgabe 1873, München 1984, Sp. 2633.
60 Vgl. Schiller, Friedrich: Die Räuber. Ein Schauspiel. Stuttgart 1992, S. 70.
61 DWB, Bd. XI 1873/1984, Sp. 2633.
62 Vgl. hierzu und zum Folgenden Kluge, Etymologisches Wörterbuch 2002, S. 483, 512 und 547.
63 Jes 12,4.
64 Schmeller, Johann Andreas: Bayerisches Wörterbuch. Sonderausgabe. Nachdruck der von Karl Frommann bearbeiteten 2. Ausgabe, München 1872 - 1877. München 1985, Bd. I/I, S. 224.
