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Die Anbetung der Hirten

Andreas Nesslthalers Hochaltarbild der Stadtpfarrkirche Hallein 1799 aus der Sicht einer Kunsthistorikerin und eines Theologen.


Regina Kaltenbrunner
Ein Nachtbild des letzten Hofmalers...

Andreas Nesselthaler, letzter fürsterzbischöflicher Hofmaler Salzburgs, wurde 1748 in Langenisarhofen (bei Deggendorf, Niederbayern) geboren und starb 1821 in Salzburg.
Dazwischen liegt eine beeindruckende Künstlerkarriere. Als 16jähriger kam er zu einem Onkel nach Baden bei Wien, um das Malen zu erlernen.

1789 hatte er eine Einladung an den Zarenhof nach St. Petersburg und einen Ruf an den Hof von Salzburg ? und er entschied sich für die Stelle bei Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo in Salzburg. Graf Friedrich von Spaur schilderte den Salzburger Hofmaler: "... von seiner Kunst gar nicht aufgebläht, sondern einfach und überhaupt ein sehr richtig, helle und liebevoll denkender, auch sittlich gut handelnder Mann, der von allem Eigennutz entfernt, wie ein Weiser, äußerst wenig Bedürfnisse hat und bloß dem Studium seiner Kunst lebte." Nesselthaler blieb unverheiratet und kinderlos.

1799, also 10 Jahre nach seiner Ankunft in Salzburg, schuf Nesselthaler das Hochaltarbild für die Halleiner Stadtpfarrkirche. Die Anbetung der Hirten ist ein Nachtbild, d.h. die Szene spielt in einem nächtlichen Dunkel, was auch Einfluss auf das gedämpfte Kolorit hat. Das Bild (349 x 185 cm) ist ein schmales Hochformat, und darauf hat natürlich die Komposition Rücksicht zu nehmen. Die hl. Familie nimmt die linke Bildhälfte ein, die herbeigekommenen Hirten drängen sich in der rechten Bildhälfte. Über der Gruppe schweben Engel, und am Boden liegt ein Schaf mit gebundenen Füßen. Maria kniet an der Krippe und hält mit beiden Händen ein weißes Tuch, auf dem das Christkind liegt. Josef steht hinter Maria und hat die Arme ausgebreitet ? eine Geste, die sowohl schützend wirkt wie auch Bewunderung für das Kind ausdrückt.

Die Anbetung der Hirten von Nesselthaler spielt wohl in einem Innenraum, aber es gibt mit Ausnahme des Strohs in der Krippe und dem Eselskopf keine Hinweise auf einen Stall. Alle Figuren sind von einer Ruhe ausstrahlenden Eleganz. Die gesamte Atmosphäre ist geprägt von Stille, Ergriffenheit und Innehalten. Nicht einmal das Gloria erschallt. Obwohl das Leben Christi erst beginnt, weist das Lamm im Bildvordergrund bereits auf den Opfertod Christi hin. (Dr. Regina Kaltenbrunner ist Kunsthistorikerin und Direktorin des Salzburger Barockmuseums.)


Hans Schreilechner
...und der Übergang vom Hören zum Sehen: " ... et videamus!"

Nicht die Geburt Christi, sondern der Besuch und die Anbetung der Hirten sind das Thema des Hochaltarbilds der Halleiner Stadtpfarrkirche. Nesselthaler hat dieses Thema nicht erfunden, sondern greift zurück auf italienische Vorbilder aus dem Spätmittelalter: Die Armen bringen ihre Geschenke dem neu geborenen König der Armen. Franz von Assisi war dafür ein mächtiger Impulsgeber!

Im heimlichen Gegenspiel zur Pracht der "Drei Könige" bringen die Hirten, und zwar als Erste, die einfachen Geschenke der Armen: Flöte und Stab, Lamm und Früchte. Christus gehört zum Milieu der Hirten. Er ist der arme König!

Die Menschen, die sich um ihn versammeln, kommen aus dem Dunkel: Sie gehen zu auf ein Kind, dessen Licht ihnen entgegenkommt. Ausstrahlend zieht es sie an. Nicht, dass es die Nacht zum Tag macht! Nur die Gesichter der Menschen leuchten auf wie Planeten, die im Dunkel des Weltalls von der Sonne erreicht werden. Die Sonne aber liegt auf Stroh im Futtertrog und ist ein Neugeborenes. Die Planeten sind nichts als die Gesichter einfacher Leute.

Von den Erwachsenen umhegt, schlafend, untätig und unmündig, strahlt das Kind und erleuchtet die, die es sehen und bestaunen. Die Zuneigung dieser Menschen, aller zusammen und jedes Einzelnen für sich, wird eins mit dem Licht dieses Kindes, das die Menschen an sich zieht: So ereignet sich Begegnung mit dem Erlöser! Größeres kann zu Weihnachten nicht geschehen als der hier in Zeitlosigkeit festgehaltene Augenblick! (Mag. Hans Schreilechner ist Theologe, römisch-katholischer Stadtpfarrer von Hallein und Dechant des Dekanats Hallein)


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