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Erster Stille-Nacht-Textdruck in Steyr vor 1832 bewiesen

"Es ist fix: Die in einem Wiener Antiquariat aufgetauchte Flugschrift ist der älteste Stille-Nacht-Textdruck!" Das teilt Michael Neureiter, Präsident der Stille Nacht Gesellschaft, nach neuesten Recherchen mit: "Der Druck durch Joseph Greis in Steyr ist vor 1832 anzusetzen und damit jedenfalls vor der Erstausgabe des Lieds durch August Robert Friese in Dresden, die zwischen 1832 und 1834 datiert wird!"

Im Juni 2016 tauchte in einem Wiener Antiquariat eine bisher kaum bekannte Flugschrift "Vier schöne neue Weihnachtslieder" auf, deren Titelblatt auch "Das Vierte: Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, etc" ankündigt. Das Lied findet sich auf den (nicht nummerierten) Seiten 7 und 8 der Schrift im Format 10,5 cm breit und 17 cm hoch.

Das Titelblatt enthält auch die Herkunft: "Steyr, gedruckt und zu haben bei Joseph Greis.", eine Jahreszahl scheint nicht auf. Die Flugschrift mit dem Liedtext ist der früheste bekannte Textdruck des Liedes - 200 Jahre, nachdem Joseph Mohr 1816 das Gedicht in Mariapfarr schrieb. Neben dem Exemplar in einem Wiener Antiquariat befindet sich ein zweites Exemplar im Oberösterreichischen Volksliedarchiv.

Wer war Joseph Greis?

Joseph Greis war im Haus Steyr, Grünmarkt 7, das schon lange (und weiter bis 1926!) eine Buchdruckerei beherbergte, als Setzer bei Franz Joseph Medter beschäftigt. Er erwarb das Haus 1804 und eröffnete im September 1827 im knapp 200 m entfernten Haus Stadtplatz 23 die erste Buchhandlung in Steyr, nun waren Drucke bei ihm auch "zu haben". Im Heiratsvertrag mit seiner zweiten Gattin vom Jänner 1827 wurde bestimmt, dass das Haus Grünmarkt 7 im Fall seines Todes an seinen Sohn aus erster Ehe Joseph jun. übergehen sollte. Joseph sen. starb 1835 im 62. Lebensjahr. Sein Sohn veräußerte das "Haus samt Gerechtigkeit" 1837 an Michael Haas.

Wenn "Vier schöne neue Weihnachts-Lieder" mit "gedruckt und zu haben bei Joseph Greis." bezeichnet sind, verweist das wohl auf den nun auch als Buchhändler tätigen Buchdrucker. Es ist also anzunehmen, dass diese nicht datierte Flugschrift nicht vor 1827, dem Jahr der Eröffnung der Buchhandlung, und vor 1832 entstand: Aus den letzten Jahren von Joseph Greis sen., der 1835 starb, sind keine datierten Drucke mehr bekannt.

Ein Text mit auffälligen Besonderheiten

Der Text von "Stille Nacht" in der Greis-Flugschrift weist alle sechs Strophen auf, in der gleichen Reihenfolge wie das Mohr-Autograph und die vier Gruber-Autographe, von denen eines nur fünf Strophen enthält. Anders die älteste Liedfassung mit Noten, die 1832-34 von August Robert Friese in Dresden aufgelegt wurde: Sie enthält drei Strophen in der Reihenfolge 1,6,2, die auch im Stammteil des neuen "Gotteslob 2013" aufscheint, während im Österreich-Teil sechs Strophen in der Reihung 1-6 enthalten sind, dazu jeweils drei Strophen in vier weiteren Sprachen.

"im lockichten Haar"

Auf der ersten Seite fällt uns in den ersten drei Strophen einiges auf: In der ersten Zeile der ersten Strophe erinnert "Stille Nacht, heilge Nacht,..." an das um 1820 entstandene Mohr-Autograph. Kommt "heilge" dort nur einmal für alle sechs Strophen vor - unter der Überschrift "Weynachts-Lied" - so sind es hier bei den anderen fünf Strophen und auf der Titelseite sechs Mal "heilige". Die vier Autographen Grubers haben drei Mal "heilige" und einmal "heil`ge" im Text.

In der ersten Strophe ist auch "holder Knabe im lockichten Haar" erstmalig und einmalig: Während alle Autographe durchwegs "im lockigten Haar" verwenden, heißt es in der ältesten Notenfassung von Friese bereits "im lockigen Haar"! Mohrs Autograph lautet auf "Knab`", Grubers Autographe wechseln zwischen "Knab", "Knab`" und "Knabe", bei Friese heißt es wie bei Greis "Knabe".

"...aller Welt Schwung versprach."

Wenn man den Text in der Greis-Flugschrift genauer anschaut, denkt man unwillkürlich an den Setzer (Joseph Greis sen. selbst?) in der Buchdruckerei am Steyrer Grünmarkt, der wohl eine handschriftliche und vielleicht schlecht lesbare Fassung vor sich hatte? In der 5. Strophe wird "lange schon uns bedacht" zu "lange schon ausgedacht". Und gleich darunter lesen wir nicht "aller Welt Schonung verhieß.", sondern "aller Welt Schwung versprach."!


In der 6. Strophe liegt eine weitere Abänderung vor, ein Lesefehler beim Setzen oder wohl eher ein Manuskript mit leicht anderem Text: "tönt es laut bey ferne und nah" (in allen Autographen gleich!) wird zu "tönt es ferne, so wie auch nah".

Die Flugschrift "Vier schöne neue Weihnachtslieder" mit dem Herkunftshinweis "Steyr, gedruckt und zu haben bei Joseph Greis." ist der früheste bekannte Textdruck des Lieds. Einige der angeführten Hinweise nähren diesen Befund. Die Flugschrift wird vom Antiquariat Löcker in Wien zum Kauf angeboten.


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