Die Burghauser Pfarrmusik: Georg Hartdobler und sein Schüler Franz Xaver Gruber

Eine in der Forschung zum Entstehen des Weltfriedensliedes bisher marginale Rolle spielt der ehemals an der Stadtpfarrkirche St. Jakob zu Burghausen wirkende Organist Georg Hartdobler. Franz Xaver Gruber erwähnt ihn im straffen autobiographischen Teil seiner „Authentische[n] Veranlassung zur Composition des Weihnachtsliedes 'Stille Nacht, Heilige Nacht “:

„[Franz Gruber]…kam, den Webstuhl verlassend, 18 Jahre alt zu H. Georg Hartdobler, Stadt-Pfarrorganisten in Burghausen, in die Lehre, und brachte es nach nur drei Monaten erhaltenen Unterricht so weit, bei fig.[figurierten] Aemtern den Generalbaß auf der dortigen Orgel spielen zu können“.

Im Folgenden werden das Ergebnis vertiefender Recherchen zur Biografie Hartdoblers und zu seinen Werken vorgestellt, wobei sich der Fokus in den Ausführungen zur Biographie auf die Zeit bis um 1820 beschränkt .

Dass es bisher zwar mehrere Quellen für eine frühe Verbreitung des Liedes im salzburgischen und tirolischen Raum, jedoch keine einzige Quelle für eine Verbreitung in Südostbayern gibt, ist erstaunlich. Im Zuge der Recherchen zur Burghauser Pfarrmusik wurde nunmehr ein diesbezügliches Dokument aufgefunden.

Geburt, Kindheit und Jugend in Stubenberg bei Simbach am Inn

Georg Hartdobler wurde am 20. Februar 1774 in der Pfarr- und alten Marienwallfahrtskirche St. Georg und Urban in Stubenberg getauft . Die Herrschaft über die Hofmark Stubenberg übten seit 1512 bis 1817 die Grafen von Baumgarten aus. Der Ort Stubenberg liegt in einem von Hügeln umgebenen Seitental des Inns ca. 8 km nordöstlich von Simbach a. Inn. Die geologische Lage kommt in dem Wortsuffix „-dobl“ zum Ausdruck, mit dem viele Einöden bzw. Höfe in dieser Gegend bezeichnet werden und das „thalähnliche Vertiefung am Abhang eines Berges“ bzw. Hügels bedeutet . Interessant ist im Zusammenhang mit dem Familiennamen „Hartdobler“ , dass damit eine Einöde ca. 1,5 km nordöstlich der Ortsmitte bezeichnet wird – möglicherweise Herkunftsort der Vorfahren Georg Hartdoblers. Sein Großvater Andreas wird in den Kirchenmatrikeln zu seiner Eheschließung am 17.November 1730 noch als „Zimmerergesell“ , bei der Taufe seines ersten Sohnes Andreas am 21. November 1733 dann erstmals als „aeditu[us]i“ (des Mesners) eingetragen. Dass er zugleich Schule gehalten hat, ist mehrfach belegt . Diese Linie der hartdoblerschen Verwandtschaft übte über drei Generationen hinweg Mesner- und Schuldienst aus.

Das Mesner- und Schulhaus befand sich auf dem Berg neben der Kirche und gewährte zwar eine schöne freie Aussicht auf das Inntal und in das Innviertel , die räumlichen Verhältnisse waren aber so beengt, dass sich Georg Hartdoblers namensgleicher Vater wohl im Vorgriff auf eine Familiengründung 1770 gezwungen sah, illegal einen Anbau an dem im Eigentum der Kirche stehenden Gebäude zu errichten. So berichtete der Verwalter Gmainer seinem Dienstherrn Karl Graf von Stubenberg ca. 30 Jahre später:

„Die Stubenbergisch: Pfarrgotteshaus Rechnung enthält noch einen fernern Ausstand des Meßners zu: 30 fl. von dem J: 1770 her für einen ohne Bewilligung der Cumulativ unternommenen Bau eines Seitenstübels. Nachdem dem Gotteshause die Reparationen und Baulichkeiten des Meßnerhauses zustehen und derselbe außer der Stube, wo er Schule hält, keine andere Gelegenheit zur Unterbringung seiner Familie hat, als in einem Seiten-stübl, so kann man nicht einsehen, aus welcher Ursache die cumulative Bewilligung zu dessen Baue versagt wurde. Aus dieser Ursache dürften deswegen diese ausständigen 30 fl. ohnmaasgeblich ohne weiteres abgeschrieben werden.“

Gebäudeensemble auf dem Stubenberg im Schreÿbbuech des Philipp Lenglachner (Handschrift in Privatbesitz): links von der Kirche das 1796 errichtete Benefiziatenhaus, im Vordergrund vor der Friedhofsmauer das hölzerne Mesner- und Schulhaus .

Dr. Fromberg, Felde

Hartdoblers Mutter Maria Anna verstarb als er noch keine zwei Jahre alt war und sein mit Sicherheit im selben Haushalt lebender Großvater Andreas ein Jahr darauf. Seine Großmutter Maria Ursula war bereits 1763 verstorben. Als Hartdobler sechs Jahre alt war, heiratete sein Vater ein zweites Mal und absolvierte 1781 in Burghausen eine Lehrerprüfung vor einer Kommission. Zur Erzielung regelmäßiger Einkünfte - die Schulpflicht wurde landesweit erst 1802 eingeführt - kaufte der Vater 1783 von den Wirtsleuten Mülldorfer vermeintlich eine Bäckereigerechtigkeit. Wie sich nämlich 1794 herausstellen sollte, handelte es sich lediglich um ein Brotverkaufsrecht . Nachdem er ab diesem Jahr keine Stift mehr abgeführt hatte, einigte er sich schließlich 10 Jahre später mit dem Grafen von Baumgarten über die ausständigen Zahlungen und konnte so auch die Bäckereigerechtigkeit auf Leibrecht erwerben .

Am 18. August 1788 trat ein neuer Pfarrer, Ludwig Böheim, seinen Dienst in Stubenberg an. Es war noch kein Jahr vergangen, als unerbittliche und skandalöse Streitigkeiten zwischen dem Pfarrer und seinem Mesner ausbrachen. Zur Besoldung als Mesner gehörte auch der Ertrag aus einer kleinen Ökonomie, die eine Wiese, zwei Kühe und jeweils einen kleinen Obst- und Krautgarten umfasste . Der Pfarrer verbot ihm nun, mit seinem Fuhrwerk über einen Teil der Pfarrgründe zu fahren, ließ nach Missachtung des Verbots Gräben „aufwerfen“ und verklagte ihn schließlich 1789 beim Hofmarkgericht. Hartdoblers Vater erkundigte sich bei einem Advokaten in Burghausen nach der Rechtslage und machte dann neben einem Verweis auf das Gewohnheitsrecht geltend, dass “ A) auf diesem Dobl, worauf der Kirchenweg ist, nichts wachset, und B) Kein anderer Fahrtweg um meinen Meßner Häuschen, als dieser ausgezeigt werden kann mithin C) Dieser Dobl für mich eine Nothfahrt ist, und seyn muß.“ Der Streit eskalierte, als Böheim einen Mann aus einer anderen Pfarrgemeinde zu Mesnerdiensten heranzog und den Stubenberger Mesner vor versammelter Kirchengemeinde „mit unanständigstem Lärmen und Geschrey aus der Sakristey“ schaffte. Böheim wandte sich wegen der Anmaßung des Fahrtrechtes durch Hartdobler und wegen der ihm nicht entsprechenden Verfahrensweise des Hofmarkgerichts, das er in Folge wegen Befangenheit ablehnte, an den Kurfürsten Karl Theodor . Noch im laufenden Verfahren kam es zum nächsten Eklat. Involviert war nunmehr auch der sechzehnjährige Hartdobler, der seinem Vater bei den für den Mesner- und Schuldienst notwendigen Verrichtungen mitgeholfen hatte:

Auswüchse einer 1790 in Stubenberg gehaltenen „… wahrhaft ärgerlichen Christmetten…“

Am 7. Januar 1791 beschwerte sich Pfarrer Böheim beim Kurfürsten, dass der Mesner und sein Sohn „beide in der Heyl. Christnacht nicht mit dem Priester die Psalmen gesungen auch
endl. Excessen ausgeübt, und hierdurch Ärgernis öffentl gegeben“ hätten. Vater Hartdobler, der sich ebenso wie sein Sohn binnen einer Frist von 14 Tagen hierzu „verantworten“ musste, schilderte dagegen den Hergang wie folgt:
„…Der Meßner weigerte sich deß mit allem Rechte, denn seit seinem Dienstes-Antritte wurde ihm diese Verrichtung von keinem H Pfarrer nur als dem nunmalligen seinem lieblosen Verfolger aufgebürdet und ungeachtet dessen verrichtete er sie im vergangenen Jahre auf Befehl des Pfarrers, so gut er konnte, und der gehäßige menschenfeindliche Mann machte ihm zum Lohn seines freiwilligen Gehorsams die unzureichende Fertigkeit, die Mette so geläufig als er zu singen, zum Verbrechen… Eigener Schade macht klüger, und heuer hüttete sich der Meßmer für selben weislich und mit allem Rechte, denn es war ihm vorhinn nicht aufgetragen die Metten zu singen und sich vorzubereiten; und hätte er ohne Vorbereitung mitgesungen, so hätte er dem H Pfarrer nothwendig Stoff zu wiederholter Klage geben müßen.

Es ist wahr, daß der Herr Kreuzermeßer etlichemal zum Meßmer auf den Chor schickte, und ihn zum Mettensingen rufen ließ, und eben so oft entschuldigte er sich damit, daß er sie ohne alle Vorbereitung nicht singen könnte, daß er dies aber auf dem Chor laut geschrien, das ist eine offenbare Unwahrheit, die die ganze Kirchengemeinde eben so sehr wiedersprechen als sie bekräftigen muß, daß der Herr Kreuzermeßer über die Weigerung des Meßmers in den höchsten Zorn entbrannte, deßwegen mit dem Schullmeister Sohn aus vollem Halse schrie und polterte, und mit dem Stocke auf ihn loßging, so daß die vier Ministranten immer zur Sakristei ausliefen, sich furchtsam wieder näherten, und diesen eben so lächerlichen wie aergerlichen Auftritt öfters wiederholten. Die Gemeinde ward mit Abscheu von dem ungezähmten Betragen des Geistlichen erfüllet, sie murrten laut und so lange bis er noch mit schäumenden Munde etliche Lektionen her brummte, und dann das heiligste Meßopfer verrichtete… Hätte er [Pfarrer Böheim] seine Pflicht nicht so unverantwortlich vernachlässigt, wäre er wie seine rechtschaffenen Vorgänger statt sorgenlos zu schlafen zur Kirche gekommen, hätte da seine Pflicht erfüllt, die Gemeinde würde eben so wenig über einen aergerlichen Auftritt, als über seine Faulheit zu klagen Ursache gehabt haben…“.
Die diesbezüglichen Archivalien enden mit einer Resolution der Regierung Burghausen im Auftrag des Kurfürsten, wonach sich sowohl der Pfarrer, was seinen Schlaf als auch der Kreuzer Messer, was sein „aergerliches Betragen“ betraf, ihrerseits verantworten mussten . Die Seelsorge des Pfarrers Böheim nahm später ein unrühmliches Ende. Wegen mehrerer Verfehlungen kam er in bischöflichen Arrest nach Passau und musste schließlich 1796 resignieren.
Für den 1794 mittlerweile zwanzigjährigen Georg bot sich in Stubenberg mittelfristig keine Perspektive, mit den von ihm erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die Freiwilligkeit des Schulbesuchs und die geringe Zahl von 16 Schülern ermöglichte keinesfalls eine zweite Lehrer- oder Adstantenstelle und sein noch nicht sechzig Jahre alter Vater war zu diesem Zeitpunkt weiterhin in der Lage, seine Dienste zu verrichten

Karriere als Pfarrmusiker in der Stadt Burghausen

Am 29. November 1794 verstarb in der nahegelegenen Stadt Burghausen der an der Stadtpfarrkirche St. Jakob wirkende Chorregent Joseph Ignaz Hueber. Die Stadt Burghausen hatte durch die Abtretung des Innviertels an Österreich ca. 15 Jahre zuvor zwar erheblich an Bedeutung verloren, war aber bis Anfang 1802 immerhin noch einer der Regierungssitze des Kurfürstentums Bayern, bis 1807 noch eine der titulierten 4 Hauptstädte Bayerns und von 1808 bis 1810 sowie 1816/1817 Sitz des Regierungsbezirks Salzachkreis. Die Pfarrmusik der Stadtkirche setzte sich dort traditionsgemäß aus dem Chorregenten, dem Cantor, dem Organisten, einem Kalkanten (Blasbälgetreter) und einem 1. und 2. sogenannten Adstanten (Gehilfen) zusammen , wobei der Chorregent in der Regel die Tenorstimme und der Cantor die Bassstimme sang, der 1. Adstant den Cantor und der 2. Adstant den Chorregenten unterstützte . Diese Stammbesetzung wurde je nach Anlass um eine 1. Diskantistin, eine 2. Diskantistin, eine Altistin (meistens Ehefrauen oder Töchter der Pfarrmusiker) sowie bei besonders feierlichen Gottesdiensten um einen Thurnermeister mit dessen drei bis vier Gesellen, die Blechblas- und Schlaginstrumente spielten, erweitert. Da bei Neubesetzungen das „Vorrückungsprinzip “ und das „Versorgungsprinzip“ Berücksichtigung fand, wurde vom Magistrat der Stadt als zuständigem Gremium der bisherige 2. Adstant Joseph Wichtl mit „Conclusum“ vom 20. Dezember 1794 mit Auflagen hinsichtlich Unterhaltsgewährung und Schuldentilgung zu dessen Nachfolger bestimmt. Dadurch wurde die 2. Adstantenstelle vakant. Die Sitzungsniederschrift enthält folgende Vormerkung:
„Sovil den erledigt zweyten adstanten Dienst belanget, von welchen die ChorregentenTochter Katharina Hueberin eingelangt, ist resolvirt worden, das selbe in Zeit: 3. Wochen von herent an, ein taugliches Subject so ein gute Singstim, und in orglschlagen wohl erfahren, vorstellen solle, wornach weitters resolviert werden wird.“
Das Beherrschen des Orgelspiels war deshalb Voraussetzung, weil zu jener Zeit der
2. Adstant den Organistendienst an der Heilig Geist Spitalkirche zu versehen hatte. Die Wahl der Chorregententochter fiel auf den Stubenberger Georg Hartdobler. Bereits am 26. Januar 1795 fand die Hochzeit zwischen ihr und dem vier Jahre jüngeren „Tenoristen“ statt . Am 3. Juli 1795 wurde Hartdobler, gekleidet im Ornat der Bürger-Militär-Uniform , „auf sein beschehenes Anhalten… und nach abgelegter Pflicht“ hin das Bürgerrecht erteilt und es wurde „wegen seines Diensteinkommens von selbem erfordert... 6 fl: 47 kr: 1 pf:“ .

Kurze Zeit nachdem Hartdobler seinen Dienst angetreten hatte, sollte er erneut Beteiligter in einem Beschwerdeverfahren werden, das im Verlauf bis zum Kurfürsten hochgetrieben wurde . Initiiert wurde es von dem Kirchherrn von St. Jakob, Dr. Paulus Pauer, der bereits im Vorfeld als äußerst sparsam was die Bezahlung von Diensten der Pfarrmusik betraf in Erscheinung getreten war. Wegen eines drohenden Hochwassers hatte dieser einen Bittgang zur Wallfahrtskirche Marienberg angesetzt und mit der Gestaltung des Amtes den Chorregenten Wichtl, den Organisten Rickl und die beiden Adstanten Linpruner und Hartdobler beauftragt. Nachdem diese zunächst ihre Mitwirkung verweigert hatten, weil dies eine Neuerung sei und sie nicht dafür bezahlt würden, wollten sie dann doch als „Bürger und Christen“ teilnehmen aber dabei keine Dienste verrichten. Laut Ausführungen im Beschwerdeschreiben, übergeben an den Rat des Magistrats am 22. Juli 1795, hätte der Prälat des Klosters Raitenhaslach auf die Anfrage des Kirchherrn hin für den Fall, dass die Pfarrmusikanten nicht erscheinen sollten, nicht nur den Mesner von Marienberg zum Orgelschlagen sondern darüber hinaus den gesamten Chor des Konvents angeboten. Wichtl und seine drei „Consorten“ hatten es sich aber anders überlegt und bei der sich bietenden Gelegenheit, losgelöst von liturgischen Vorgaben, Eigenkompositionen zum Erklingen gebracht, was aber das Missfallen Kirchherrn hervorrief:
„…so haben dieße… ein so schnelles und geringes Amt gehalten, daß ich weder das Gloria und Credo habe aus betten können, auch vor und in Ausgang dessen nicht mehr den von der allgemeinen catholischen Kirche im Rituale Romano vorgeschriebene Lytanei sangen, sondern von ihnen selbstgemachte und niemals zu sondern Kreutzgang von der Kirch adprobierte Lieder sangen, um bey dem Publico… einzuschmeicheln…“.
Schon einen Tag nach Eingang der Beschwerde setzte der Magistrat nach eindringlichem Bitten des Kirchherrn ein Zeichen. Die Pfarrmusiker bekamen wegen ihres Betragens einen Verweis, wurden zu künftigem Respekt und Gehorsam gegenüber ihrem Vorgesetzten aufgefordert, mussten sich bei ihm entschuldigen und es sollten zur Strafe „der Chorregent, von gegenwärtiger Stund an bis Morgen Mittag 12 Uhr, dan der Rickl und Linpruner am konftigen Montag von 6 Uhr fruhe bis 6 Uhr abents, und der Hartdobler am Erchtag darauf von 6 Uhr fruhe bis 12 Uhr Mittag in den Bürger arrest mit Wasser und Brod abbüssen.“
Die Regierung von Burghausen lenkte nach eingelegtem „Appell“ dreier Musikanten ein und wollte es bei Verweis, Entschuldigung und Abbitte belassen. Dr. Pauler hatte sich jedoch zwischenzeitlich bereits an den Kurfürsten gewandt. Von dessen Verwaltung bekam nun die Regierung von Burghausen ihrerseits mit Schreiben vom 19. Dezember 1795 einen Verweis, es wurde auf einen sofortigen Vollzug der Strafe gedrängt, den Musikern wurden „alle Neuerungen in Kirchensachen schärfest verbotten“ und es sollte im Wiederholungsfalle die Entlassung und gegebenenfalls eine noch strengere Bestrafung erfolgen. Mit dem frisch in Diensten stehenden Hartdobler übte der Magistrat bei der Vorladung am 4. Januar 1796 trotzdem Nachsicht:
“Weil obiger Hartdobler sogleich anfänglich depreciert hat, auch von der appellation abgestanden ist, und überhaupt von der Sache eigentlich keine Wissenschaft gehabt hat, so wurde demselben die Straf nachgesehen.“
Diese Vorkommnisse wirkten sich nicht nachteilig auf seine weitere Karriere aus. 1798 verstarb der erst gut 3 Jahre zuvor zum Chorregenten ernannte Joseph Wichtl. Der Magistrat verlieh in der Sitzung vom 21. Juni 1798 der Witwe den Chorregentendienst „gegen Stellung eines tauglichen Subjects“ und der Übernahme von Unterhaltsverpflichtungen „iedoch mit der weitteren austrücklichen Condition, das Siehe, oder fillmehr ihr konfftiger Ehemann der neu angehente Chorregent schuldig, und gehalten sein solle, dem Adstanten Hartdobler, weil selber nicht vorrücken könne, 100. fl: zu bezahlen,… Welches der Kirchherr und den Hartdobler mitls Siglum
und zwar Erstern mit dem Beysaz zu notificieren ist, das seiner Schwieger Mutter zu einer Zulag wochentlich 15. x. vom hiesigen Spitall bewilligt worden sey. Wobei weiters concludiert worden, das wan seiner Zeit der dermahlige erste Adstant Linpruner in des
Cantor Hösls Dienst eintretten wird, sodann der Hartdobler in die erste Adstanten Stelle vorrücken solle, weill er ein Organist ist.“
Am 17. Januar 1799 verstarb dann der Organist Dominikus Rickl nach über 30-jähriger Ausübung dieses Dienstes. Offenbar zog man daraufhin die ungewöhnliche Lösung in Betracht, dass dessen 14-jähriger Sohn dessen Nachfolge antreten sollte: „Wegen dem Rickl Sohne sollen die Musicanten vernommen werden ob selber genugsame Fähigkeit zum Organisten Dienst habe.“ Deren Votum muss negativ ausgefallen sein, wie aus dem Protokoll der „Rats Session so gehalten worden den: 11 April aõ 1799“ geschlossen werden kann:
„Conclusum. Dem Johann Georg Hardobler adstanten will man ÿber sein Beschehenes einlangen die auf absterben des Dominicus Rickl erlegtigte [sic] Organisten Stelle beim diesohrtigen S= Jakobs Pfarr gotteshaus verliehen haben, iedoch dergestalten, das derselbe Erstens Schuldig, und gehalten sein solle, zu Befridigung der Ricklischen Schulden per aversum 100 fl. zu bezahlen, und zu Magistrats Handen zu erleg. dan
zweytens der nachgelassenen Ricklisch. Wittib, und minderjähriges Kind Lebens länglich zum Unterhalt wochentlich 30 x zu verreichen ferners
drittens das vorhanden Ricklische Söhnel namens Wilhelm in orglschlagen gratis vollkommen zu unterrichten weitters, und
viertens die vom hiesigen Chorregenten noch schuldige 50 fl gänzlich dahinten zu lassen und ÿber die bereits erhaltenen 50 fl nichts mehr zu verlangen.
Worbei weitters resolviret worden, das im Fahl der Hardobler obige Bedingnüssen nicht eingehen solte alsdann der Organisten Dienst den gleichfahls hierum eingelangten Max Keller Organisten im Kloster Seon gegen erfihlung verstandener Conditionen verliehen sein solle.
Wan aber der Hardobler den Organisten Dienst antreten solte, so seÿe nun mehr anstatt seiner ernanter Max Keller als Adstant an: und aufgenommen, wenn er die erforderliche Stim hat.“
Trotz dieser hohen finanziellen Lasten, wobei die einmaligen Lasten eine künftige reguläre Jahresbesoldung als Organist überschritten, ging Hartdobler auf die Bedingungen ein und so wurde er am 13. April 1799 zum Stadtpfarr-Organisten befördert. Max Keller wurde wie vorgesehen sein Nachfolger als Adstant. Hartdoblers 3 Jahre später gemachter Vorstoß, dass die Armenkasse die Unterhaltsleistungen für die Witwe übernehmen sollte, führte nicht zum Erfolg . Mit dieser Beförderung sollte aber auch das Ende seiner Karriere, was die Hierarchie der Stellen in der Pfarrmusik betrifft, erreicht sein: nach Ableben der Chorregenten Dominikus Peringer im Jahr 1823 und Joseph Langhans Ende 1828 erhob er zwar Ansprüche auf diese Stelle, kam aber nicht zum Zug, weil er jeweils die Vereinigung des Chorregenten- mit dem Organistendienst erreichen wollte . Als Beispiele für diese Konstellation führte er die Pfarrmusiken in der Münchner Vorstadtkirche Au, in Schärding und in Ellwangen an. Auf eine Verleihung der Chorregentenstelle verzichtete er bei der Bewerbung 1823 außerdem ausdrücklich für den Fall, dass eine der beiden Töchter des Verstorbenen jemanden aus den Reihen der Pfarrmusiker ehelichen würde. Als sich diese Konstellation offenbar entgegen seiner Erwartungen abzeichnete, machte er den Vorschlag, künftig auf einen 2. Adstanten zu verzichten, dafür aber sein Gehalt zu erhöhen . Er hielt einen 2. Adstanten deswegen für „leicht entbehrlich, weil im ganzen Jahr hindurch bis auf die Festtage, blos deutsche Messen vorgetragen werden, zu welchen kein Tenor geschrieben ist.“ Der Magistrat qualifizierte letztendlich seine Anträge rechtlich als formfehlerhaft, weil sie unter Bedingungen gestellt worden waren. Auch mit seiner Bewerbung vom 5. Januar 1829 kam er trotz intensiver Bemühungen auch nach Einschaltung der Regierung des Unterdonaukreises nicht zum Zug. Am 27. April 1829 nahm der mittlerweile als Stiftsorganist in Altötting fungierende Max Keller die erforderliche Gesangsprüfung in der Kirche St. Jakob ab. Hartdobler war zwar mit weiteren vier Kandidaten anwesend, aber er „ließ sich im Tenorgesange nicht hören“. Zur von Hartdobler angestrebten Vereinigung des Chorregenten- mit dem des Organistendienstes äußerte Max Keller, dass dies „um so unzulässiger sei, als der Chorregent der Dirigent der Musik ist und als solcher nicht zugleich Orgel spielen könne. Auch kann beim Chorgesang, dem ein jeweiliger Chorregent vorstehen muß, dessen Hartdobler aber nicht kundig ist, nicht dieser produzieren und zugleich Orgel spielen. Und überhaupt ist eine solche Vereinigung auch wenn sie hier und da besteht, doch ungeeignet.“
Eine sich 1830 bietende dritte Gelegenheit zur Beförderung nahm Hartdobler wohl wegen unveränderter Situation nicht mehr wahr.

Zwei Diabelli-Brüder aus Mattsee als Kollegen in der Pfarrmusik

Es ist anzunehmen, dass Hartdobler mit dem bekannten Musikverleger und Komponisten Anton Diabelli in den vier Jahren dessen Raitenhaslacher Noviziats von Oktober 1798 bis August 1802 Kontakt hatte, zumal Diabelli in diesem Zeitraum einige Messen und weitere kirchenmusikalische Werke schuf . Hartdoblers Lebensweg kreuzte sich außerdem mehrere Jahre mit zweien seiner Brüder :
Am 13. Januar 1809 verstarb der zum Kantor beförderte ehemals 1. Adstant Ignaz Linpruner. Die besten Chancen auf das Nachrücken in diese Position hatte der bisherige Adstant Xaver Binder . Hartdobler wandte sich ohne Absprache mit seinen Kollegen vorsorglich bereits eine Woche nach dem Tod Linpruners an die Kirchen-Administration Altötting mit dem Ansinnen, auf eine Wiederbesetzung der dann vakant gewordenen Adstantenstelle zu verzichten. Durch diese „Consolidierung der Kirchen-Dienste“ sollte im Gegenzug dafür sein Gehalt den Bezügen des Chorregenten und des Kantors angeglichen werden. Ein etwaiger verbleibender Betrag sollte dann auf Chorregent, Kantor, Organist und Adstant aufgeteilt werden. Er stellte dabei heraus, „…daß der Posten eines Orgelspielers der wichtigste unter den Musick-Gliedern deines Chores ist; denn nur der fähige Organist erhält den gesamten Chor aufrecht und in guter Ordnung, ist dieses aber ein Mann, der seiner Sache nicht ganz gewiß ist, so ist die Musick jeder Verwirrung ausgesetzt. Daß aber zur Erlernung der Orgelspielkunst ungleich mehr Zeit und Fleiß erfordert wird, als zu einen simplen Sänger, der in der Folge einen Chorregenten und Cantor Dienst übernehmen kann, ist eine schon lange anerkannte Sache.“ Die Entbehrlichkeit dieser Stelle begründete er folgendermaßen: „…Allein, da seit mehreren Jahren her, sowohl der Figurat Chor Dienst, durch Verlegung der abgewürdigten Feyertage auf die Sonntage, als auch durch die stets allmählig abnehmende, und willkürliche Kirchen – Musick bey Leichenbegräbnissen, Hochzeiten, und verschieden andern durch Landesherrl – Verordnungen aufgehobene Verrichtungen um die Hälfte abnahm, überdieß aber vorzüglich der Choral Gesang, durch Aufhebung der tägl. Werktags – Choral Vespern und der tägl. Complet in der Fasten, wenigstens um 2/3 gemindert wurde,
so wird man einer gnädigst aufgestellten Kirchen Administration hieraus selbst gnädigst beurtheilen können, daß diese Stelle jetzt leichter zu entbehren sey, als ehedem. Überdieß, wenn wirklich der Fall eintretten sollte, daß der zukünftige Cantor und Bassist Binder, erkranken sollte, so kann in diesem Nothfalle ein Tenorist, als Chorregent, oder I. Adstant Schmidhuber, einsweil den Bass singen . Durch königlichem Ministerial Reskript vom
18. April 1809 wurde dann tatsächlich der bisherige Adstant Binder zum Kantor befördert. Die Entscheidung über eine Wiederbesetzung der Adstanten-Stelle zog sich in die Länge, „weil sich kein Kompetent dafür gemeldet“ hatte, eine Wiederbesetzung wurde aber vom Kirchherrn Lechner offensichtlich als erforderlich angesehen. Jedenfalls bewarb sich ein Leopold Diabelli am 11. September 1809 auf diese Stelle . Leopold Diabelli wurde am
4. Februar 1787 in Mattsee geboren . Im Alter von 11 Jahren trat er als Altist in das fürsterzbischöfliche Kapellhaus Salzburg ein, am 7. September 1800 wurde er Hofknabe
und 1802 Capelldiener . Nach seinem Austritt am 1. September 1803 war er Kammerdiener und wohl Musiker im Kloster Michaelbeuern . Auf Grund des Reskripts des bayerischen Innenministers Freiherrn von Montgelas vom 11. November 1809 wurde schließlich die 1. Adstantenstelle an Leopold Diabelli verliehen.
Nachdem der weitere Adstant Schmidhuber im Dezember 1809 in Traunstein Chorregent wurde, war für längere Zeit wiederum eine Adstanten-Stelle vakant. Auch dieses Mal war wieder fraglich, ob die frei gewordene Adstantenstelle überhaupt wieder besetzt werden sollte. Kirchherr Lechner sprach sich in seinem Schreiben an die Stiftungsadministration Altötting vom 05. August 1811 dezidiert dafür aus. Am 07. August 1811 bewarb sich der erst 16 -jährige Michael Diabelli , Bruder des Obengenannten, und legte seinem Schreiben folgendes Zeugnis des Burghauser Chorregenten Peringer gleichen Datums bei: „Daß Hr. Michael Diabelli Meßners-Sohn von Mattsee gebürtig sich schon 3: Monath lang hier befinde, und mit vollkommener Zufriedenheit auf hiesigem Chor die Tenor-Stimme mit allen Beyfall des Chorpersonals, auch den Choral Chor versehen hat, dann bei allen Verrichtungen pünktlich erschienen ist, sohin alles Lob und alle mögliche Empfehlung verdiene, wird demselben hiermit auf Verlangen vom Unterzeichneten bezeugt…“ . Im Schreiben der Stiftungsadministration Altötting an das Generalkommissariat Salzburg vom 21. Oktober 1811 sprach sich auch Administrator Riedl dafür aus, dass die Stelle erneut besetzt werden sollte: „a/: weil der Chor Dienst in der beträchtlichen Stadtpfarrkirche ausser diessen nur unvollständig versehen, und im Erkrankungs Falle eines der 3 anderen männlichen Sänger beynahe ganz unterbleiben würde, b/: weil viele Musikverrichtungen bey der Stadtpfarrkirche vorhanden, und c/: in den gewöhnlichen Sonntägen der deutsche Gesang eingeführt, dann d/: der erste Adstant [Leopold Diabelli] beym Frühgottesdienste im Spital welcher im Sonntage zur nämlichen Zeit gehalten wird als das pfarrliche Frühamt, die Orgl zu spielen hat, folglich in der Pfarrkirche ein Sänger weniger ist…“. Stadtpfarrer Lechner bestätigte dies in seiner Stellungnahme vom 15. Dezember 1811 und fügte hinzu: „…und wenn schon der Supplikant Michael Diabelli in der Kunst des Tenorsingens noch nicht vollkommen ist, so hat er doch schon Beweise gegeben, daß er sich in demselben immer mehr ausbilde.- Dabey ist er ein Mensch von untadelhaften sittlichen Wandel, und das Gehalt eines II. Choradstanten an der hiesigen Pfarrkirche ist einmal nicht dazu geeignet, daß man Hoffnung haben könnte, es möchten sich geschicktere Competenten darum bewerben…“. Zu den damals aktuellen Planungen, dass ein neu angestellter Adstant gleichzeitig Singunterricht an der Elementarschule erteilen sollte, führte er aus: „Aber eben dieses geringe Einkommen ist zugleich Ursache, daß man dem II. Choradstanten außer dem ohnehin vielfältigen Chordienst kein anderes Geschäft auferlegen sollte, weil man ihm sonst die Gelegenheit benihmt, sich durch Abschreiben oder durch Privat-Unterricht den zu seinem Unterhalt nothwendigen Nebenverdienst zu erwerben…“. Am 16. Februar 1812 verlieh das Königliche Generalkommissariat des Salzachkreises „auf Ruf und Widerruf ohne Begründung eines Anspruchs auf Pension“ auch dem zweiten Diabelli-Bruder Michael die „erledigte 2te Choradstanten Stelle“.
Anfang 1813 folgte Leopold Diabelli seinem Bruder Anton nach Wien und trat dort 1814 sowie im Herbst 1822 als Chorist am Kärtnertortheater und 1820 am Theater an der Wien in Erscheinung. Am 1. März 1813 stellte der in Burghausen verbliebene Michael Diabelli nach dem „freiwilligen Abtritt seines Bruders“ ein Ansuchen auf Verleihung der
1. Adstantenstelle, dem kurz darauf am 2. April 1813 stattgegeben wurde. Später wechselte er zunächst am 21. Oktober 1817 als Hornist zum königlich bayerischen 1. Jägerbataillon, das in Burghausen garnisoniert war. Im Zeitraum 1823 bis mindestens 1828 ist er dann als Chorsänger am Theater an der Wien nachweisbar . Somit war neben Mattsee und Wien auch Burghausen / Raitenhaslach eine Station auf dem gemeinsamen Lebensweg dreier Diabelli¬-Brüder.

„Viele Berufsgeschäfte“ als Organist, Privatmusiklehrer, Komponist, Kupferstecher und Singschullehrer

Allein die Tätigkeit als Organist umfasste jährlich circa 700 Dienste, so zum Beispiel bei figurierten und halbfigurierten Ämtern, Vespern, Litaneien, Requien, Prozessionen, Frühämtern, Jahrtagen, Zunftjahrtagen, Osterämtern, Fronleichnamsämtern und Choral-Vespern . Immer auf der Suche nach zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten entwickelte Hartdobler eine Vielzahl von Aktivitäten auf künstlerischem, pädagogischem und sogar handwerklichem Gebiet. Bereits kurz nach seinem Dienstantritt erteilte er Schülern aus dem Kreis der vielen Beamten- und Offiziersfamilien der Stadt Privatunterricht im Orgel- und Klavierspiel. Sein Nachfolger als Organist, Joseph Mayer, berichtet dazu Jahrzehnte später : „…welche Stelle [Gesangslehrer bei der Studienanstalt und im Englischen Kloster] mein Vorfahrer Hartdobler sowohl, sowie alle früheren Organisten seit unfürdenklichen Zeiten bekleideten, welche wirklich goldene Zeiten durchlebten, indem dortmals Burghausen eine Regierungs - überhaupt eine der blühendsten Städte war. Hartdobler versicherte mir oftmals, eine einzige Klavier-Instruktion trug ihm monatlich eine Carolin …“. Dass er bei einer jährlichen Grundbesoldung von 135 Gulden in der Lage war, relativ kurze Zeit nach seiner Anstellung seinem Vorgesetzten 100 Gulden zu leihen und ca. 10 Jahre später beim Kauf eines größeren Stadthauses ein Eigenkapital von 800 Gulden einzusetzen, belegt die damalige hohe Einnahmeerzielung aus dem Privatunterricht.

Sein neben dem Organistensohn Wilhelm Rickl und seinem Enkel Joseph Johann Nepomuk Feilenreiter namentlich überlieferter und zugleich bekanntester Schüler war Franz Xaver Gruber. Mit der Formulierung „Lehre“ in der eingangs zitierten authentischen Veranlassung ist hier nicht nur der Unterricht an der Orgel sondern eine auf die Dreifachfunktion Schullehrer - Organist - Mesner hin orientierte umfassende musikalische Ausbildung gemeint. Zu dieser gehörte die Gesangskunst, hier wohl auch das Geigenspiel und darüber hinaus die Vermittlung von musiktheoretischen Grundlagen zur Komposition. Obwohl nur sehr wenige Werke Grubers datiert sind , ist anzunehmen, dass erst Hartdobler seinem Schüler über die satztechnisch korrekte Ausführung eines bezifferten Generalbasses hinaus auch das weitere zum Komponieren erforderliche Rüstzeug beigebracht hat. Die früheste Datierung einer Komposition Franz Grubers nämlich trägt ein Predigtlied auf die heilige Fastenzeit mit der Jahreszahl 1804 , fast alle seiner Kompositionen sind nach der „Lehre“ entstanden.
Was den genauen Zeitraum der „Lehre“ Franz Xaver Grubers bei dem 13 Jahre älteren Hartdobler betrifft, so konnte keine neue Quelle eruiert werden. Es gibt aber drei Anhaltspunkte auf Grund derer ein genaueres Zeitfenster als eine reine Jahresangabe eröffnet werden kann. Bei der Annahme, dass sich Gruber für eine gewisse Zeit permanent in Burghausen aufgehalten hat und möglicherweise bei Hartdobler Kost und Logie erhalten hat, führen diese Anhaltspunkte zu folgenden Ungereimtheiten: Gruber schreibt in der eingangs zitierten authentischen Veranlassung, dass er 18 Jahre alt war als er zu Hartdobler kam. Wenn es sich hierbei um eine exakte Angabe handeln würde, hätte der Unterricht demnach nach dem 25. November 1805 begonnen. Am 30. April 1806 wurde Gruber vom Pflegegericht Wildshut ein Reisepass ausgestellt, den er offenbar für die Reise nach Ried zur Teilnahme am Unterricht und abschließender Schullehrerprüfung benötigte. Unmittelbar vor der Reise nach Ried war er 5 Monate als Schulgehilfe in Hochburg/Ach tätig gewesen , so dass der Unterricht bei Hartdobler spätestens wiederum im November 1805 hätte beendet sein müssen. Außerdem ist Gruber seinen Angaben zufolge mindestens 3 Monate bei Hartdobler „in die Lehre“ gegangen. Der scheinbare Widerspruch kann aufgelöst werden, wenn die Altersangabe Grubers als lediglich rudimentär betrachtet wird und/oder Gruber von Dezember 1805 bis Ende April 1806 nur während der unterrichtsfreien Zeit Lektionen genommen hat. Auch die Tatsache, dass die ca. 7 km entfernte Stadtmitte Burghausens von der Steinpointsölde, Grubers damaligem Wohnort, aus fußläufig gut erreichbar war, spricht gegen einen längeren ununterbrochenen Aufenthalt in Burghausen. Letzteres mag tageweise dann der Fall gewesen sein, wenn der Weg wegen der Machenschaften des sich seit Dezember 1805 in Quartier befindlichen 14. Französischen Infanterie-Regiments nicht passierbar war oder zu gefährlich gewesen wäre. Am 28. Oktober waren schon die ersten französischen Truppen in die Stadt einmarschiert, nachdem sie zuvor österreichische Truppen kurz besetzt hatten. Fazit: Es erscheint am meisten plausibel, dass Gruber im Zeitraum Ende November 1805 bis Ende April 1806 während der unterrichtsfreien Zeit tageweise von Hartdobler Instruktionen erhalten hat.
Hartdobler unterrichtete Gruber an der Orgel der St. Jakobs Pfarrkirche. Diese Orgel hatte 1717 der bekannte Salzburger Orgelbauer Johann Christoph Egedacher zum Ausgleich dafür, dass eine große und kleine Orgel der Stadtpfarrkirche nach Salzburg transferiert wurden , gebaut und aufgestellt. Die Orgel hatte ein Manual mit 15 Registern. Um die Orgel zum Erklingen zu bringen waren die Organisten auf einen Kalkanten angewiesen, der vier Blasbälge bedienen musste. Ferner standen als Instrumente „1 stehendes Positiv in dem Chor=Stuhle beym Hochaltare“, ebenso 1717 aus der Werkstatt Egedachers stammend, und „1 kleineres detto zum Herumtragen“ zur Verfügung.

Exkurs: Hartdoblers Wohnorte in Burghausen

Obwohl die bisher ungeklärte Frage , wo Hartdobler zur Zeit der Unterrichtserteilung an
F. X. Gruber gewohnt hat, aus den oben genannten Gründen eine nur untergeordnete Rolle spielt, soll zur Illustration seine Wohnsituation an dieser Stelle genauer erörtert werden. Eine Betrachtung erfolgt zudem über dieses Zeitfenster hinaus, weil der mehrmalige Wohnungswechsel die kontinuierliche Verschlechterung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse wiederspiegelt.

Vor Ende des 18. Jahrhunderts erhielten der Chorregent und der Organist seit jeher als unter dem Personal der Pfarrmusiker herausgehobene Funktionsträger freie Wohnung in Gebäuden, die im Besitz der Pfarrei standen und sich in unmittelbarer Nähe zur Pfarrkirche befanden. Dem Inhaber der dritten herausgehobenen Position, dem Cantor, stand –soweit ersichtlich– keine freie Wohnung zur Verfügung . Das Haus (Messerzeile) Nr. 18 bewohnte der jeweilige Chorregent, das Haus (Burgsteig) Nr. 23 der jeweilige Pfarrorganist. Dementsprechend wurden diese Häuser auch „Chorregentenhaus“ und „Organistenhaus“ genannt.
„Am 23. Juni [1783] wurde das Organistenhaus zum dermaligen Schulhause bestimmt, der Organist [Rickl] aber in das Lorberger`sche Haus verwiesen. Die Landschaft bewilligte zur Herrichtung der Schule 100 fl.“ . Mit dem Namen „Lorberger“ ist mit Sicherheit der kurfürstliche Advokat, „Landaufschlagseinnehmer“, Stadtrichter und von 1757 bis 1783 amtierende Bürgermeister Johann Baptist Labberger gemeint, der das Haus (Burgsteig)
Nr. 22 bewohnte. Als dieses ebenfalls im Besitz der Kirche befindliche Haus 1792 an den Regierungsregistrator Marcus Weiser verkauft wurde, bewilligte der Magistrat dem damaligen Organisten Rickl einen jährlichen „Hauszins“, respektive Mietzuschuss, in Höhe von 20 fl. . Die Beförderung Hartdoblers zum Organisten zum 13. April 1799 hatte aber nicht zwingend den Umzug in die Wohnung seines Vorgängers zur Folge, ihm stand aber als Bestandteil der „Emolumente“ seines Dienstes ebenfalls dieser Mietzuschuss zu. Nach Einführung einer neuen Hausnummerierung 1801 scheint Hartdobler noch im selben Jahr
im „Einnahms Manual / über den / Herdstadt[sic]=Betrag / pro Anno / 1801“ als „Innwohner“ (Mieter) des Hauses (In den Grüben) Nr. 125 und zwei Jahre später in der „ Beschreibung / oder / Kataster / Der samentl: in hierortiger Stadt verhandenen / gefreyt= und ungefreyten Häusern…verfaßt den 14: Decbr. 1803 als „Innwohner“ desselben Hauses mit neuer Nummer (In den Grüben) Nr. 130 auf.

Vermutlich hat er hier bereits seit seinem Zuzug nach Burghausen gewohnt . Das Haus befand sich etwa in der Mitte seiner beiden Arbeitsorte als 2. Adstant, der Pfarrkirch

St. Jakob und der Spitalkirche.

Im ersten Halbjahr 1804 musste dann die Familie Hartdobler in das sogenannte „Expeditor Weiserische Haus“ (In den Grüben) Nr. 118 umgezogen sein: Ab März 1803 wurden in Burghausen für Einträge von Kirchenmatrikel einheitliche Formularbücher verwendet, in denen in einer Spalte auch Angaben zum Aufenthaltsort vorgesehen waren. Am 3. Juli 1804 wurde sein Sohn Johann Georg getauft und als Aufenthaltsort der Eltern „Nro 118“ eingetragen. Am 13. Januar 1805 kauften die Eheleute Hartdobler von der Witwe Antonia Weiser das vorgenannte viergeschossige Stadthaus zu dem im Kataster von 1803 angesetzten Schätzpreis von 2.000 fl. .

Zu den regulären Inwohnern bzw. Mietern des stattlichen Anwesens gehörten schon vor dem Kauf durch die Eheleute Hartdobler die Familien Zacheli und Sedlmayr. Die Eheleute Zacheli hatten 3 Töchter. Bernhard Zacheli war Schneidermeister und seine Frau Sabina Stadt-Hebamme. Aus den Angaben zum Aufenthaltsort in den Kirchenmatrikeln kann geschlossen werden, dass Mütter mit unehelichen Kindern nach der Geburtshilfe auch über mehrere Wochen bei den Zachelis untergebracht waren. Mathias Sedlmayr, zuvor „Geistwirth“ am Stadtplatz, bewohnte mit Frau und Tochter das Anwesen und übte möglicherweise von dort die „Kauderey “ aus. Am 30. und 31. Oktober 1805 erfolgte eine „allgemeine Plünderung der ohnehin schon ganz herabgekommenen Bürgerschaft“ durch eigentlich befreundete französische Truppen. Hartdobler musste dann ab Dezember 1805, wie alle anderen Hausbesitzer auch, nicht nur für ein halbes Jahr die Einquartierung von Soldaten des 14. Französischen Infanterieregiments hinnehmen sondern diese auch verköstigen .

Die jahrelang andauernden Kriegslasten führten zu harten wirtschaftlichen Einbußen der Bürger, welche sich auch negativ auf die vormals lukrative Unterrichtstätigkeit Hartdoblers auswirkten. Hauseigentümer wurden zudem mit einem „Kriegsunkostenbeytrag“ besteuert. Offensichtlich konnte Hartdobler entweder im Laufe der Zeit die Zinsen für die Finanzierung des Anwesens nicht mehr aufbringen oder ein für den Hauskauf aufgenommenes Darlehen wurde gekündigt und eine Umschuldung war ihm nicht möglich. Das Steuer-Kataster von 1809 enthält zum Haus (Burgsteig) Nr. 25 nämlich folgenden von Hartdobler am 8. Januar 1809 unterschriebenen Eintrag: „Dieses Haus hat vorher der Johann Lorenz - welcher solches von dem Joseph Gastenmayer unterm 20ten Septbr: 1803 für 950 [fl] erkauft besessen, ich habe aber am 18. Septbr: 1808 diessen Lorenz mein besessenes Haus daran gehandelt somit Eigenthümer von demselben geworden“.

In diesem eingetauschten einstöckigen Haus mit einem „Burg Gärtl“ wohnten die Eheleute Hartdobler mit den beiden Töchtern Theresia und Josepha spätestens seit März 1809 .

Um diese Zeit brach der 5. Koalitionskrieg zwischen Österreich einerseits und Frankreich mit dem Rheinbund, an dessen Spitze Bayern stand, andererseits aus. Am 10. April kam

als Vorhut die österreichische Kavallerie in die Stadt, am 11. April bezogen 9.000 Soldaten Quartier und am 14. April zog das 2. Bataillon der österreichischen Landwehr des Innviertels mit 800 Mann ein. Die Forderungen von Lebensmittellieferungen waren nicht erfüllbar. Am 27. April flohen die österreichischen Truppen vor der herannahenden französischen Armee unter der Führung Napoleons. Bereits am darauffolgenden Tag überschwemmte die 100.000 Mann starke Armee die Stadt und verblieb hier 4 Tage.

„…Zu ebener Erde mußten die Bewohner ausziehen, um Pferden Platz zu machen, jeden Winkel des Hauses überdieß den Soldaten überlassen… Nachdem Abzuge der Franzosen war die Stadt so sehr von allen Lebensmitteln entblößt, daß die Einwohner hätten verhungern müssen, wenn ihnen nicht aus entfernteren Gegenden Lebensmitteln zugeflossen wären…“ . Die Akten des Pfarrarchivs Burghausen enthalten für die Laufzeit 1808 bis 1818 immer wieder Gesuche des Chorpersonals auf Gehaltsverbesserung mit Hinweisen auf die seit Jahrzehnten trotz der Teuerungen gleichbleibenden Entlohnung, die aber nicht von Erfolg gekrönt wurden. Am 15. Januar 1816 gebar Hartdoblers Tochter Maria Theresia einen unehelichen Sohn für dessen Unterhalt in der Folgezeit Hartdobler sorgte. So waren die Eheleute Hartdobler einige Jahre nach dem Haustausch gezwungen, das Eigentum auch des Hauses am Burgsteig wieder aufzugeben. Am 8. Juni 1817 verkauften die Eheleute Hartdobler ihr Haus an die Eheleute Dirnecker zu einem Preis von 900 fl . Von dieser Summe verblieb Hartdobler lediglich 95 fl., mit dem restlichen Betrag wurden Schulden getilgt, die die Gläubiger zum Teil bereits gerichtlich geltend gemacht hatten. Außerdem behielt sich die Familie ein dauerndes Wohnrecht vor:

„Zweitens behalten sich Gebkäufer in ihren verkauften Hause eine für beide

lebenslängliche Wohnung, bestehend über 1. Stiege in der Wohnstube, vom Stöberstüberl, rückwärts, das Kuchel, und Speißkammerl, dann über 2. Stiegen in einem Kammerl gegen das Spänglerhaus , und einen Platz im…stall …mit 3 Maaß Holz, … gegen einen jährlichen und veränderlichen Hauszins von 30 fl., welche in vierteljährigen Raten zu erlegen sind.“

Am 4. April 1818 gebar Hartdoblers unverheiratete Tochter einen weiteren Sohn .

Als die Tochter nach Eheschließung mit dem Orgelbauer Florian Unterholzer 1824 einen eigenen Hausstand gründete, verblieben wohl deren beide uneheliche Kinder zur Pflege bei den Großeltern. Obwohl trotz des Wohnrechts nach wie vor einen Mietzinsbeitrag bezog, gestaltete sich die wirtschaftliche Situation Hartdoblers zusehends schlechter. Mit Schreiben vom 12. Januar 1827 wies das königliche Landgericht Burghausen das Magistrat an, von den quartalsmäßig fälligen Bezügen einen Teilbetrag von 15 fl. entweder an das Gericht abzuführen oder direkt an zwei Gläubiger zu bezahlen, was einer Gehaltspfändung gleichkam . Am 10. Mai 1828 verstarb Hartdoblers Frau Katharina. Im Sterbeeintrag seines jüngeren Pflegesohnes Franz Xaver vom 12. September 1835 ist als „…Aufenthaltsort, Nummer des Hauses …Stadt Nro 21“ angegeben. Hierbei handelt es sich um das zu diesem Zeitpunkt noch in kirchlichem Besitz befindliche sogenannte „Kaplanhaus bei St. Jakob“. Nachdem auch Hartdobler in diesem Haus am 07. November 1851 verstorben ist, ist anzunehmen, dass sich Hartdobler nach dem Verkauf des Hauses Nr. 25 der Eheleute Dirnecker Anfang der 1830er Jahre das Wohnrecht ablösen ließ und ihm die Wohnung im Haus Nr. 21 von der Kirche vorübergehend bis zu dessen bald darauf erfolgten Verkauf

als Sachleistung zur Verfügung gestellt wurde.

Die derzeit an der Fassade des Hauses Messerzeile Nr. 18 angebrachte Gedenktafel mit der Inschrift „Chorregentenhaus / Zusammen mit dem ehemaligen / „Pfarrmesnerhaus“ heute / Pfarrzentrum St. Jakob (Einweihung 2000) / 1805/1806 erhielt Franz Xaver Gruber / (1787 – 1863), der Schöpfer des / „Stille - Nacht -Liedes“, in Burghausen Musikunterricht Heimatverein“ wurde im Vergleich zur Gedenktafel von 1961 zwar neutral formuliert, ist aber dennoch insofern irritierend, als Hartdobler weder jemals Chorregent war noch jemals in diesem Haus gewohnt hat.

Um die Zeit als Hartdobler Franz Xaver Gruber instruierte, unterzog er sich einer Prüfung beim großen Salzburger Musiker Michael Haydn, ein halbes Jahr vor dessen Tod. Dieser bescheinigte ihm:

„Endesgefertigter bezeuget kraft dieses gegenwärtigen Attestats vor Jedermann, daß er den Herrn Johann Georg Hartdobler im Orgelspielen durch längere Zeit geprüft und gefunden habe, daß oberwähnter Herr Hartdobler sowohl im Praeludiren, Fugieren, als auch in Partitur und Gallanterie Sachen vortrefflich und meisterhaft gespielt habe, so daß selber jeden Organistendienst mit Ruhm zu versehen sich anheischig machen darf, nicht minder zeigt er auch in der Satzkunst die herrlichsten Proben, und verspricht in Bälde einen großen Meister.

Salzburg , der 29te März 1806

Joh. Mich. Haidn

Hochfürstl. Konzertmeister“ Wann genau Hartdobler zu komponieren begonnen hat, ist nicht greifbar. Er schreibt von sich selbst:

„…Liebe zur Musik, besonders zur Tonsetzkunst veranlaßten mich seit meiner ersten Jugend diesen Kunstzweig mit vorzüglicher Anstrengung zu widmen…“ .

Überliefert ist, dass er am 12. und 18. Oktober 1807 in dem deutschen Nationaldrama von Georg Carl Claudius „Der Fürst und sein Volk“, das aus Anlass der Erhebung Bayerns zum Königreich im bürgerlichen Rathaus aufgeführt wurde, die Rolle des Soldaten Carl Müller interpretierte. Die Gesangsnummern zu dem Singspiel hatte sein ehemaliger Kollege

Max Keller aus Altötting, zu dem er weiterhin Kontakte unterhielt, geschrieben. Die im Librettodruck enthaltene Arie des Soldaten „Der Krieger der nach Blut geizt“ fehlt allerdings in Max Kellers Partitur. Ob die Vermutung, dass Hartdobler für sich die Arie geschrieben hatte und sie deshalb nicht in die Partitur mit aufgenommen wurde, stimmt, ist fraglich . Eine erste Nachricht über sein kompositorisches Schaffen enthielt eine Anzeige der Falterschen Musikhandlung in der Münchener politischen Zeitung vom 9. März 1808, worin seine „1ste deutsche Messe für 3 Singstimmen und Orgel“ zum Preis von 40 Kreutzer angeboten wurde. Eine weitere Quelle ist das Königlich-Baierische Salzach-Kreis-Blatt vom 6. Januar 1809 , in dem über die Gründungsfeierlichkeit der Gesellschaft „Harmonie“, die sich neben der Literatur auch um die Pflege guter Musik annahm, berichtet wurde:

„Die Eröffnung derselben geschah mit anpassender Feyerlichkeit am ersten Tag dieses Jahres. Mit dem Schlag 6 Uhr Abends wurde die zahlreiche und ansehnliche Gesellschaft mit einer Ouverture im Konversations = Sahle empfangen, welche der Stadtpfarr = Organist Herr Hartdobler in der kurzen Zeit von 7 Tagen neben seinen vielen Berufsgeschäften gesetzt, und dem Feste wohl angepaßt hatte.“

Vom kompositorischen Schaffen Hartdoblers ist einzig 1829 eine „solenne“ Messe in B-Dur im Verlag Johann Jakob Lotter & Sohn/Augsburg im Druck erschienen. Diese Messe ist für eine Singstimme und Orgel angelegt und kann auf 3 Singstimmen, 2 Violinen, 2 Trompeten, 2 Hörner und Orgel erweitert werden. Ansonsten sind handschriftlich lediglich zwei deutsche Messen „Hier liegt vor deiner Majestät“ und „Wir werfen uns darnieder“, für die die deutschen Hochämter von Michael Haydn Vorbild waren, ein Pange lingua, ein Lied für Beerdigungen sowie die 6 deutschen Tänze für Klavier erhalten geblieben .

Folgende lokale Verbreitung von Hartdoblers Kompositionen für den Gottesdienst konnte festgestellt werden: Burghausen, Laufen, Sachrang, Schnaitsee, Neumarkt i.d. Opf. und Feichten a.d. Alz. Eine ausführliche Werkübersicht, auch über Kompositionen, die lediglich in Inventaren aufgeführt sind aber von denen keine Stimmen erhalten geblieben sind,wurde erstmals erstellt und ist im Anhang beigefügt.

Ende des Jahrzehntes begann er dann zunächst eigene Kompositionen in Kupfer zu stechen und präsentierte im Königlich-Baierischen Salzach-Kreis-Blatt vom 2. Juni 1809 der Öffentlichkeit ein Muster hiervon:

„Georg Hartdobler, Pfarr=Organist zu Burghausen, welcher die anliegende Melodie in Kupfer gestochen hat, bietet in derley Arbeiten seine Dienste gegen billige Preise an“.

Am 3. November 1809 machte er dann in demselben Periodikum bekannt: „Der Unterzeichnete hat 6 deutsche Tänze für das Piano=Forte gesetzt, und in Kupfer gestochen, wovon bereits Abdrucke für 20 kr. zu haben sind; so wie auch die schon früher erschienene deutsche Messe Nro. 1. für die Orgel und 3 Singstimmen, im Preise zu 40 kr.; letztere verkauft auch Hr. Falter, Musikalien=Verleger in München. Übrigens bietet er den Herren Musik=Liebhabern auch seine Dienste für den Kupferstich der Musikalien an, und sichert ihnen pünktlichste Bedienung zu…“.

Vermutlich blieb der erwünschte Erfolg aus. Um das Verlagsgeschäft ins Florieren zu bringen, legte er im August 1811 den renommierten Münchner Hofkapellmeistern Peter Winter und Franz de Paula Grua mehrere seiner Kompositionen zur Durchsicht vor. Mit deren positiver Stellungnahme und zusammen mit dem oben zitierten Attest Michael Haydns als Anlage unterbreitete er dann mit Schreiben vom 18. August 1811, adressiert an den bayerischen König, einen Plan zur Lieferung von Musikalien, mittels dem er zum Ersparnis von Kirchenvermögen beitragen aber auch letztendlich eine Monopolstellung als Kirchenmusikkomponist erlangen wollte:

„…Die Musik für die vielen tausend Kirchen des Königreichs wird gegenwärtig von den Stiftungs-Administrationen einzeln, nach dem inviduellen Bedürfnisse, und zwar des sehr verschiedenen Werthes der Waare ungeachtet doch im Durchschnitte für den Preis von wenigstens 10 bis 12 kr. auch noch mehr, vom Bogen angeschaft. Da ich zugleich zu komponiren und Kupfer zu stechen verstehe, so würde ich mich verbinden, ähnliche Musick den Kirchen zu liefern, und zwar für den Preis von 9 kr., wenn ich der allgemeinen Abnahme, oder wenigstens einer meiner Mühe belohnenden größern Abnahme würde versichert seyn…daß ich… dero Ministerium des Innern als obersten Stiftungs-Kuratel jährlich eine bestimmte Zahl von Exemplaren Kirchenmusik z. B. 400, jedes Exemplar von sechs Bogen übersenden dürfte, und mir dagegen aus dem Stiftungsfond die Bezahlung im Ganzen nach der Zahl der eingeschickten Exemplare, z. B. für 400 Exemplare 360 f. geleistet, oder ich überhaupt für eine jährlich zu bestimmende Summe eine bestimmte Zahl Exemplarien der obersten Stiftungskuratel zu Vertheilung an die Kreise, vorzulegen, veranlaßt würde. “

Die im Pfarrarchiv Burghausen diesbezüglich vorhandene Akte schließt ohne abschließende Entscheidung mit der Übersendung einer erneuten Abschrift des hartdoblerischen Gesuchs von der allgemeinen Stiftungsadministration Altötting an das Kommissariat des Salzachkreises als Kreisadministration der Stiftungen und Kommunen in Salzburg am 18. Juli 1812. Bekanntlich kam der Plan nicht zur Ausführung. Da es sich um ein musikhistorisch interessantes Dokument handelt, das die Situation der Kirchenmusik um diese Zeit und dieser Region beleuchtet, wird das gegenüber der Königlich Bayerischen Stiftungsadministration Altötting abgegebene Gutachten der Allgemeinen Stiftungsadministration Traunstein vom 22. Oktober 1811 vollständig wiedergegeben:

„Die gutächtliche Äußerung über das Gesuch des Organisten Hartdoblers von Burghausen, die Lieferung von Kirchen = Musikalien betreffend von der unterzeichneten Administration besteht darin:

Es ist allerdings zu wünschen, daß auch in den Kirchen der Landstädtchen die Musick

durch Beyschaffung von neuen Musikalien mehr Geschmack und Angenehmes für das

Ohr erhalten.

Allein, da nur in den beiden Orten Traunstein und Reichenhall ordentliche Vocal = und Instrumental Musik besteht, so wird eine solche Abnahm dem Verleger wenig Nutzen schaffen, und leicht dürfte auch der Fall eintretten, daß zuletzt die Compositionen von ein und dem nemlichen Meister, wenn man selben beständig hört, nicht mehr gefallen würden. Kirchen=Gesänger für das Land, wo die Schullehrer und einige Bauern singen, würden zwar größeren Absatz versprechen. Allein, dieses scheinet deshalb nicht ganz anwendbar, weil es, da die Leute nur nach dem Gehör singen, oft ein Jahr herginge, bis selbe einen neuen Gesang erlernet hätten, und mancher Land-Organist nur gewisse Griffe, und sonst weiters nichts zu machen, weis.

Indeß wünscht man, daß dem Organist Hartdobler Gelegenheit verschafft würde, Absatz für seine Compositionen bey einzelnen Werken zu erhalten, damit er Gelegenheit findet, sein Talent mehr auszubreiten, und durch ein Monopol andere Tonkünstler nicht unterliegen müßten.

Nebst Vermittirung der Communicaten besteht mit vorzüglicher Hochachtung

Act: d. 22ten Octbr: 1811.

Die königl: baiersch: allg: Stiftungs: Administration Traunstein.

Litz: Auer mp Admstr.“

Abschließend soll Hartdoblers Unterrichtstätigkeit an Burghausens öffentlichen Schulen beleuchtet werden: In einem Gesuch um Gehaltsverbesserung vom 16. Juni 1813 beklagte sich Hartdobler rückblickend darüber, dass er nach seiner 1799 erfolgten Beförderung zum Organisten nicht mehr wie sein Vorgänger gleichzeitig eine regelmäßig besoldete Lehrtätigkeit an einer öffentlichen Schule übernehmen konnte:

„…die Vorbereitungsklasse , wovon vormals jeder Schüler dem Organisten einen bestimmten Betrag quartaliter bezahlen mußte, wurde demselben durch neuere Einrichtungen enzohen.“ .

Er spielt bei der Formulierung „neuere Einrichtungen“ darauf an, dass das Gymnasium und das aus zwei philosophischen Kursen bestehenden Lyzeum Burghausen als Folge der Neuorganisation des Bildungswesens unter Kurfürst Max IV. Joseph mit Beschluss vom

24. September 1799 aufgelöst wurde. Ende 1802 wurde in Bayern zwar eine allgemeine Schulpflicht eingeführt, Regelungen zum Unterricht im Gesang wurden aber nicht eingeführt und so gestaltete sich dieser nach Fähigkeit und Vorlieben des jeweiligen Pädagogen höchst unterschiedlich. In Burghausen erteilte an der Elementarschule Ende des Jahrzehnts zunächst der Priester und Exkonventualen des Klosters Raitenhaslach Aloys Plutz auf freiwilliger Basis „im deutschen Kirchen- und Schulgesang“ täglich unentgeltlich Unterricht. Wegen dessen „schwächlicher Gesundheit“ wurde der Unterricht im Frühjahr 1811 einstweilen für ein Jahr gegen eine „Remuneration von 25 fl “ dem Chorregenten Peringer übertragen und zwar in der Art, „daß er die Schul/Lehrer und Lehrer innen im Singen der Schul- und Kirchen-Lieder so zu üben habe, daß diese künftig selbst die Schuljugend im Singen derselben unterrichten können.“ Peringer erwies sich aber in der Folgezeit als gänzlich ungeeignet, zumal er „was doch zum systematischen Singunterricht nöthig ist, das Klavier= und Orgelspielen gar nicht“ verstand . Die Lehrer an der Elementarschule und einige Lehrerinnen des ehemaligen englischen Institutes verbaten sich sogar, Singunterricht zu erteilen. Hartdobler nützte die sich jetzt bietende Gelegenheit und bot sich an, gegen eine „Remuneration von jährlich 50 fl… nicht allein die Schuljugend der Stadt Burghausen im Singen deutscher Kirchen- und Schulgesänge nach dem Gehör abzurichten, sondern zugleich die mit den besten Anlagen und mit gutem musikalischen Gehör begabten Knaben und Mädchen, und die an der Schulanstalt in Burghausen sich bildenden Schulpräparanden nach den Regeln der Musik im Gesang, und im Klavierspielen zu unterrichten, dann an Sonn- und Feiertagen in der Kirche bei dem besonderen Gottesdienst der Schuljugend den Gesang derselben jedesmal mit der Orgel zu begleiten.“ Die Finanzierung sollte aus dem Fonds der Kanzelmüllerschen Stiftung erfolgen. Die Verantwortlichen stellten aber auch Überlegungen an, die vakante 2. Adstanten/Tenoristen-Stelle an der Stadtpfarrkirche mit jemandem zu besetzen, der auch den ersten Kurs an der Schule betreuen konnte. Diese wurden letztendlich verworfen: Im Auftrag des Königs genehmigte Innenminister Graf von Montgelas mit allerhöchstem Rescript vom 11. Januar 1812 den vom Generalkommissariat in Salzburg befürworteten Vorschlag Hartdoblers. Da nach der bayerischen Lehrordnung von 1811 der Gesang kein selbständiger Lehrgegenstand war sondern schlicht als regelmäßiger Übungsgegenstand vor und nach den eigentlichen Schulstunden galt und in Burghausen aber als Besonderheit ein geregelter Unterricht durch einen als dafür qualifiziert beurteilten Lehrer gehalten wurde, führte man die Einrichtung auch offiziell als „Sing=Lehranstalt“ und so konnte sich Hartdobler „königlicher Singlehrer“ nennen. Im Schuljahr 1812/1813 erhielten 47 Knaben dienstags und freitags und 53 Mädchen montags und donnerstags „nach beendigter Werktagsschule [d. h. um 15 Uhr] öffentlich Unterricht im Singen auf das Gehör“ . Sein langjähriger Kollege im Zeichenunterricht war der bekannte Burghauser Maler Clemens Evangelist de la Croce . Nach Hartdoblers Darstellung seiner Verdienste anlässlich seines Gesuchs um Versetzung in den Ruhestand unterrichtete er dann ab 1816 zusätzlich zur Elementarschule auch an der „lateinischen Vorbereitungsschule“, die 1829 die Bezeichnung „Lateinschule“ erhielt.

Am 14. April 1845 wurde ihm eine besondere Ehrung zuteil: im Sitzungssaal des Stadtmagistrats wurde ihm für 50 Jahre lang treu und eifrig geleistete Dienste die „Goldene Ehrenmünze des K. b. Ludwigsordens“ verliehen. Johann Georg Hartdobler verstarb verarmt am 7. November 1851 im Alter von 77 Jahren während noch laufender und sich bereits über drei Jahre hinziehender Querelen um seine Versetzung in den Ruhestand.

Hartdoblers Biografie mit Fokus auf die Zeit bis um 1820 wirft ein Licht auf eine energische Persönlichkeit und auf einen gebildeten Bürger, der sich nicht scheute, sich zur Durchsetzung seiner Vorstellungen wiederholt an höhere und höchste Stelle zu wenden.

Er konnte die zunehmend eingeschränkten Verdienstmöglichkeiten in einer Stadt, die von einer Regierungs-und Hauptstadt zu einer Provinzstadt wurde, durch seine Vielseitigkeit und die Aufnahme vielerlei Aktivitäten kompensieren, trotzdem gestalteten sich seine wirtschaftlichen Verhältnisse im Laufe seines Lebens zunehmend schlechter. Seine wenigen Kompositionen wurden hauptsächlich von seinen Schülern tradiert und wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Großteil vom jeweiligen Repertoire ausgesondert. Man wird ihn auf diesem Gebiet kaum als Kleinmeister qualifizieren können. Dennoch haben vor allem seine pädagogischen Fähigkeiten nicht zu unterschätzende Spuren hinterlassen. Trotz noch so akribischer Forschung wird die Frage nach einem kausalen Zusammenhang dahingehend, ob das Weltfriedenslied auch ohne den Unterricht Grubers bei Hartdobler entstanden wäre, nicht beantwortet werden können.

Der Burghauser Inventar-Eintrag des Stille-Nacht-Liedes von 1823

Davon, dass auch nach Beendigung seiner „Lehre“ in Burghausen freundschaftliche Kontakte zwischen Franz Xaver Gruber und den dortigen Pfarrmusikern gepflegt wurden, zeugen zwei Briefdokumente, die im zeitlichen Umfeld zur Entstehung des Stille Nacht-Liedes abgefasst wurden. Der erste Brief vom 18. Oktober 1818 ist von dem bereits oben erwähnten Chorregenten Peringer an den Schullehrer in Hochburg Joseph Peterlechner gerichtet. Joseph Peterlechner (*1797, †1875) war Sohn von Andreas Peterlechner (*1766, † 1836), Grubers Lehrer in Hochburg. Joseph Peterlechner war wiederum von September 1812 bis Januar 1814 Schulgehilfe unter Franz Xaver Gruber in Arnsdorf gewesen. Dominikus Peringer wurde 1766 in Altenmarkt an der Alz als Sohn des Hufschmiedes Franz Carl Peringer geboren, fungierte als Kammerdiener im Augustinerkloster Herrenchiemsee und war im Sommer 1798 zum Chorregenten ernannt worden. Der launig formulierte Brief, wohl von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr initiiert um kurzfristig ein geselliges Männer-Gesangsquartett zu Stande zu bringen, lautet :
„Lieber Herr Peterlechner! Heute kam sehr unvermutheth die musikalische Secatur: Xav: Gruber, Lehrer von Arnsdorf, mit Titl. Hochw: Hrn: Mohr, welche heute noch nach Oetting sind, und Morgen längstens 4: od: 5 Uhr zu mir kommen, und übernacht bleiben.
Sie haben also Morgen richtig bey uns zu erscheinen, und in Fall /: wenn etwan Lieder gesungen würden:/ daß Sie auch einige mitbringen.
Daß wünschen die Fremden Gäste, und
Ihr Wahrer Freund
Dominikus Peringer, Chorregens“.
Im zweiten Brief von Franz Xaver Gruber an Joseph Peterlechner vom 21. Oktober 1819 geht es um die musikalische Gestaltung der Hochzeit seines Firmpaten Xaver Dickl worin er sich unter anderem beklagt, dass die „Burghauser“ einige Werke von ihm zugesandt bekommen aber bis dahin nicht aufgeführt hatten:
„Die schriftliche Einladung zur Dickischen Hochzeit habe ich mit Vergnügen erhalten. Wenn ich nicht krank bin, werde ich bestimmt hinauskommen. Lustig wird sie werden, zumal H.H. Windsberger kommt, den ich wieder mal gern sehen möchte. Ob auch die Liese mitkommt, weiß ich noch nicht. Ich lasse sie schon gehen. Wenn die zwei Chorregententöchter zum singen herauskommen wollen, ist mir ganz recht. Ob ich auf den Chor gehe, werd ich erst sehen. Mappe zum Studieren schick ich keine, denn die Burghauser sind mir zu kurios!
Ich hab schon manches geschickt, darüber Porto ausgelegt und ist mir selten das Vergnügen geschehen, Meiniges gemacht zu haben. Ich will die Messe selbst mitbringen, die wir vor der Copulation geschwind einstudieren wollen. Auch ein vierstimmiges Hochzeitslied , das ich eigens dem Brautpaar mache, das aber nicht in der Kirche, sondern beim Ehrenmal produziert wird. Voraussichtlich komme ich schon am Vorabend und bitte mir bey Ihnen wieder das Nachtquartier aus… Grüßen Sie mir vor allem das theure Hochzeitspaar, Ihre Eltern…“.
Mit dem pauschalen Bezug auf die „Burghauser“ kann wohl nur die dortige Pfarrmusik von St. Jakob und hier wiederum hauptsächlich Chorregent Peringer, der in seiner Funktion bestimmte, welche Kompositionen zur Aufführung gelangen sollte, gemeint sein. Bei den Chorregententöchtern handelt es sich wohl um Peringers Stieftochter Katharina und seine leibliche Tochter Franziska. Beide gehörten als Sängerinnen dem Personal der Pfarrmusik an .
Eine Antwort auf die Frage, welche Werke Grubers sich wohl im Repertoire der Pfarrmusik von St. Jakob befanden, ist das „Verzeichniss / der / Kirchen= Musicalien / auf dem / Stadt-Pfarr-Chore Sct. Jacob / in / Burghausen. Verfaßt am Ende des Monaths Junius/ 1823.“ , wobei berücksichtigt werden muss, dass zwischenzeitlich ca. 3 Jahre nach Abfassung dieses Briefes vergangen waren.

Offensichtlich hatte der erst am 26. Mai 1823 vom Magistrat ernannte Chorregent und bisherige 2. Adstant Joseph Langhans zur Übergabe der Geschäfte ein Inventar erstellen lassen. Das Verzeichnis wurde zunächst grob danach unterteilt, wo die Musikalien abgelegt wurden: „Auf dem Stadt=Pfarr=Chore“, separat „Im kleinen Chor=Kästl“ oder „Auf dem Figurat=Chore“. Auf letzterem wurden auch die Instrumente, Bücher und Geräte aufbewahrt. Hinsichtlich der Musikalien auf dem Stadtpfarrchor nahm der Verfasser eine Dreiteilung mit den Rubriken „Geschriebene Musikalien mit lateinischem Texte“, „Geschriebene Musikalien mit dt. Texte“ und „Gedruckte Musikalien mit lateinischem Texte“ vor. In diese Unterteilung wurde sodann der aktuell vorhandene Musikalienbestand nach Werkgruppe, Tonart, Komponist und sporadisch zusätzlich mit Besetzungsangaben enumerativ aufgeführt. Eine Schwierigkeit in der Zuordnung besteht darin, dass im Inventar der Name „Gruber“ auch ohne Angabe des Vornamens aufscheint. Dies ist bei drei abgeschriebenen marianischen Antiphonen „Salve Regina“, „Regina coeli“ und „Ave Regina“ für 4 Singstimmen mit Begleitung sowie bei einem „Te deum laudamus“ („detto“ bezieht sich hier auf “ im deutschen Texte“) der Fall. Bei diesen Antiphonen handelt es sich mit Sicherheit um Vertonungen des Benediktiners Benno Gruber , dessen Werke im ausgehenden 18. Jahrhundert insbesondere in den Klöstern sehr beliebt waren. Franz Xaver Gruber hingegen hat von den vier marianischen Antiphonen nur den Text „Alma redemptoris mater“ vertont , von Benno Gruber sind hingegen „XXIV Antiphonae Marianae“ 1793 bei Lotter Augsburg im Druck erschienen . Kompositionen Benno Grubers waren in Burghausen zudem durchaus bekannt: Das Verzeichnis enthält auf der nächsten Seite auch die vierte marianische Antiphon „Alma redemptoris“, nunmehr mit Angabe des vollständigen Namens „ v. Beno Gruber“ sowie „dto. [Lytaniae Lauretanae] v. Beno Gruber op. III Augsb. 1794“.

Im Ergebnis lassen sich von Franz Xaver Gruber drei Kompositionen eruieren:

1. Das Deutsche Te Deum (GWV 99)
Obwohl der Vorname nicht angegeben ist, verhält es sich bei dem „Te deum laudamus“ mit deutschem Text anders gegenüber den oben angegebenen marianischen Antiphonien: Eine entsprechendes Werk von Benno Grueber konnte nicht recherchiert werden. Von Franz Xaver Gruber gibt es hingegen ein Deutsches Te Deum, eines seiner seltenen Werke mit Datierung und mit der Besonderheit, dass vermutlich Joseph Mohr den Text „Herr unser Gott! Dich loben wir…Weit über alle Himmel…“ gedichtet hat . Auch auf Grund der Datierung im Autograph „Armsdorf den 5ten Hornung 1818“ ist durchaus plausibel, dass Gruber den Burghausern dieses Te Deum zur Abschrift geschickt hat.

2. Die Deutsche Litanei in F „O Engel Gottes, eilt hernieder“ (GWV 90)
Als zweite Komposition Franz Xaver Grubers ist unter „Geschriebene Musicalien mit deutschem Texte“ in der Werkgattung „Deutsche Lieder / Lauretanische Lytanien“ mit der Nummer 3 „detto. mit ganzer Musik ad libitum; v. Xaver Gruber“ eingetragen. „Detto“ bezieht sich auf die Besetzungsangabe in der vorstehenden Litanei Nr. 2 „mit 3 Singst. Orgl u. 2 Horn“. Im Verzeichnis der musikalischen Werke Grubers sind unter den Nummern 81 bis 93 dreizehn Deutsche Litaneien aufgeführt. Wenn man sich auf die Besetzungsangaben zu den Gesangs- und Instrumentalstimmen verlässt, so kann im Ausschlussverfahren die Litanei in F „O Engel Gottes, eilt hernieder“ für 3 Singstimmen, 2 Hörner, [Kontrabaß] und Orgel herausgefiltert und deren Entstehungszeit auf vor Juli 1823, also noch in Arnsdorf entstanden, präzisiert werden.

3. Das Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ (GWV 145)
Höchst interessant und bedeutsam jedoch nicht nur was Fassungen bzw. Besetzungsvarianten sondern auch die Verbreitungshistorie des Stille Nacht – Liedes betrifft, ist der Eintrag im Verzeichnis unter der Rubrik „Geschriebenen Musikalien mit dt. Texten“ und der Werkgattung „ Deutsche Lieder“ mit der Nr. 20: „Weihnachtsl. mit 4 Singst. und ganzer Begleit. v. Fr. Xav. Gruber“

Es ist die erste nun aufgedeckte Quelle dafür, dass das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ sehr früh und grenzüberschreitend im südostbayerischen Raum Verbreitung gefunden hat.

Die Burghauser Abschrift kann sogar sehr gut möglich vor der Abschrift vom 5. November 1822 des Salzburger Stadtpfarr-Chorregenten Johann Baptist Weindl angefertigt worden sein . Dass das Lied im Inventar nicht mit „Stille Nacht, heilige Nacht“ sondern schlicht mit „Weihnachtslied“ betitelt wurde, ist für lange Zeit nach dessen Entstehung üblich. Franz Xaver Gruber selbst nennt es in zweien seiner Autographen „Weihnachtslied“ (um 1845) bzw. „Kirchenlied auf die heilige Christnacht“ (um 1855). Wegen des vierstimmen Gesangssatzes kommt sie wohl der sogenannten „Halleiner Fassung“ vom 12. Dezember 1836 mit Begleitung von „2 Violinen, Viola, Flauto, Fagott, 2 Clarinetten, 2 Waldhörnern, Violon und Orgel“ am Nächsten. Hinsichtlich der Besetzungsangabe „und ganzer Begleitung“ wirft die Burghauser Abschrift die Frage nach der weiteren Besetzung auf.

Das Inventar enthält weder eine Definition noch eine gleichlautende Formulierung mit etwa zusätzlichen Hinweisen. Ähnliche Formulierungen darin wie „…und übriger Begleitung…“, „…oder mit ganzer Musik…“ und „…mit voller Musik…“ bieten Anhaltspunkte für ein breites Spektrum an Besetzungsvarianten, wobei eine Begleitung lediglich mit Gitarre oder Orgel wenig wahrscheinlich ist . Beispielsweise vermerkt der Verfasser des Inventars bei der oben angeführten Lauretanischen Litanei von Franz Xaver Gruber „detto mit ganzer Musik ad libitum“ und nimmt damit Bezug auf die Angaben zur vorangehende Litanei von Max Keller „mit 3 Singst. u. Orgl, dann 2 Hörner“ . An Musikinstrumenten waren 1823

6 Violinen, 2 Violen, 1 Violone, 2 Klarinetten, 2 Inventionshörner, 4 C-Trompeten, 2 D-Trompeten, 3 Posaunen und 2 Pauken im Fundus des Pfarrchores.

Im Verzeichnis der Werke Franz Xaver Grubers ist diesem unter der Nr. 148 ein zweites Weihnachtslied zugewiesen. Nach neuerer Forschung ist dieses Lied im Bestand der Dommusik, speziell bei den Abschriften der Chorregenten Franz de paula Joseph und Johann Baptist Weindl unter dem Namen P[ater] W[erigand] Rettensteiner überliefert . Leider haben die meisten Musikalien des Bestandes von 1823 den Lauf der Zeit nicht überdauert, so dass die Burghauser Fassung nicht zu einem genaueren Vergleich herangezogen werden kann .


Stille Nacht Blätter bestellen