Michael Neureiter. "Er lacht oder er weint". Der "Krippenjackl" in Hallein und Laufen
Er lacht oder er weint: Der „Krippenjackl“ erlebt wie der Betrachter die Geschichte der Geburt Jesu als Zuschauer. Es ist zum Weinen, die schier hoffnungslose Suche nach einer Unterkunft miterleben zu müssen oder die Szene, wenn die Flucht notwendig ist und Herodes alle Erstgeborenen umbringen lässt. Und es ist zum Heulen, wenn der Krippenjackl auf die Welt voller Konflikte schaut, in der wir leben.
Er kann aber auch lachen und sich freuen, dass die Geburt gelingt, dass die Hirten mit ihren Schafen kommen und dann die Weisen auftauchen, die den neugeborenen Jesus besuchen – die Freude ist ihm anzusehen. Er erlebt wie der/die Beobachter Freud und Leid in der Krippe.
Im „Neuen Krippenlexikon“ charakterisiert Gerhard Bogner den Krippenjackl in alpenländischer Tracht als eine „heitere Heroldsfigur… nach Art der Pulcinella und des Hanswurst“, die den Übergang vom Alltag zur tiefgründigen Wahrheit vermitteln soll: „Der Jackl ist ein Bruder des Bajazzo, Harlekin…“ u.a., aus ihnen mag unser „Kasperl“ entstanden sein? Bogner nennt den Krippenjackl von Laufen und den tänzerischen „Lachenden Michl“ von Amberg.
Jackl wurde erstmals im 14. Jahrhundert in St. Gallen bei einem Weihnachtsspiel erwähnt, wo er als Schalksfigur neben den Darstellerinnen und Darstellern läuft und Freude und Leid verkörpert, er zeigt dabei sein weinendes oder lachendes Gesicht.
Beobachter und Kommentator
Er war im Alpenraum öfters anzutreffen, in Kirchenkrippen in Salzburg, Bayern und Tirol: Die Kindergestalt gleicht einem Putto, sie trägt je nach Szene entweder den lachenden oder den weinenden Kopf. In der 1628 erstmals erwähnten Barockkrippe der Stiftskirche von Laufen ist er erhalten.
Und in der Stadtpfarrkirche Hallein und ihrer aus dem 18. Jahrhundert stammenden Krippe wurde der „Krippirearer“ (von „rearn“ – weinen, heulen, jammern), wie ich ihn in den Fünfziger und Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch in der damaligen Krippe aufstellen konnte, bei der großen Renovierung der Krippe ab 2003 um den lachenden Kopf ergänzt. In beiden Fällen ist die Geschichte kompliziert.
Der Krippenjackl beobachtet nicht nur das Geschehen in der Krippe, die Anbetung der Hirten, die Ankunft der Sterndeuter, wie die „magioi“ des Matthäusevangeliums in der aktuellen Einheitsübersetzung heißen, die Flucht nach Ägypten, die Familie in Nazaret bis hin zur Hochzeit zu Kana: Er nimmt auch Stellung, er kommentiert durch sein Lachen und durch sein Weinen.
Die Barockkrippe der Stiftskirche Laufen
Die Krippe der Stiftskirche Laufen an der Salzach wird jedes Jahr vor dem rechten Seitenaltar, dem Rupertusaltar, aufgebaut. Sie ist eine der ältesten Krippen nördlich der Alpen und wurde um 1628 erstmals urkundlich erwähnt. Für die bis zu 80 cm großen Krippenfiguren mit beweglichen Armen und Beinen waren erstrangige Bildhauer wie Wolf Weißenkirchner und Josef Anton Pfaffinger sowie Margareta Magdalena Rottmayr, die Mutter von Johann Michael Rottmayr, tätig.
Die Laufener Krippe soll an die 100 Figuren gehabt haben und verkam im 19. Jahrhundert immer mehr, bis die Figuren um 1900 verkauft wurden. Nur der Krippenjackl mit seinen zwei Köpfen schien als einziger überlebt zu haben: Nach Irrwegen wurde er von der Stadt Laufen erworben und dem Bayerischen Nationalmuseum München als Dauerleihgabe überlassen, wo er sich noch heute befindet.
Anfangs der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts fanden die Laufener Pfadfinder zusammen mit dem Stiftsmesner bei gezieltem „Stöbern“ nach Krippenschätzen eine Kiste voll verstaubter, angeschlagener und verwurmter Köpfe, Holzkörper und Hände, offensichtlich Reste der berühmten Laufener Barockkrippe. Ein Kreis Kunstsinniger ließ dann Jahr für Jahr zusammengefügte, ergänzte und neu bekleidete Figuren „auferstehen“.
Der Laufener Krippenjackl im Bayerischen Nationalmuseum in München erhielt ein Duplikat für die Laufener Krippe: In deren prächtiger Anlage bringt er Freude und Leid zum Ausdruck, in Laufen wird er sogar ganz aktuell: „Krippenvater“ Josef Heringer fügt der Krippe, als „ein kleines geistlich-weltliches Theater“, jährlich aktuelle Gesten hinzu. Krippendarstellungen sollen seiner Meinung nach
„kein ehrwürdiges Aas“ sein, sondern als „Denk-einmal“ durch ihre Botschaft auch zum Nachdenken anregen!
Die Krippe der Stadtpfarrkirche Hallein
Die Halleiner Krippe mit bis zu einem Meter hohen Figuren, beweglichen Gelenken und mit Glasaugen versehenen Wachsköpfen dürfte in der Zeit um 1720 bis 1750 entstanden sein. Sie kommt also aus der alten spätgotischen Stadtpfarrkirche, die in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts durch den heutigen klassizistischen Saalbau ersetzt wurde.
Im Zweiten Weltkrieg wurde durch den Großbrand 1943 und den Turmeinsturz 1945 auch ein Großteil der Kulisse der Krippe zerstört. Nur der Hintergrund der „Darstellung im Tempel“ ist erhalten. Man behalf sich deshalb nun mit einer Wurzelkrippe, die am Kreuzaltar links aufgestellt wurde.
Ich half in den Fünfziger- und Sechzigerjahren meinem Vater und Mesner Michael Neureiter regelmäßig beim Aufstellen der Krippe und dem Wechseln der Szenen von der Herbergsuche bis zur Familie im Haus Nazaret, so lernte ich auch die Figuren kennen. Ich erinnere mich an den Kopf des „Krippirearers“, des weinenden Krippenjackl: Der lachende Kopf war wohl schon verloren gegangen.
Schließlich gab es eine engagierte und kompetente Hilfe: Ab 2003 machte sich Sigrid Ortner mit Einverständnis von Dechant Hans Schreilechner ans Werk und musste feststellen, dass die ausdrucksstarken Köpfe teils mit echten Haaren ausgestattet waren, die bei der kleinsten Berührung zerfielen. Nach der Inventur machte sie sich an die erfolgreiche Restaurierung der Krippe. Ihr enormer fachgerechter Einsatz führte dazu, dass die Krippe eine Wiedergeburt erlebte und in der südlichen Chorkapelle, der Annakapelle, einen guten neuen Platz bekam.
Erst als Sigrid Ortner alle Figuren der Halleiner Krippe restaurierte und neu einkleidete, wurde der Halleiner Krippenjackl reaktiviert: Ortner bat den Adneter Bildhauer Peter Schörghofer um einen lachenden Kopf zur Ergänzung des vorhandenen weinenden aus dem Spätbarock. Der Krippenjackl ist nun in den sechs Szenen der Krippe zu sehen und in der rechten Seitenkapelle kaum zu übersehen – als Beobachter des Geschehens rund um die Geburt Christi und auch als Kommentator des Geschehens in der Welt.
Wie Sigrid Ortner berichtet, erzählten alte Bewohner von Hallein, dass Jackl beim Besuch der Heiligen Drei Könige als Kripperlgeschenk und Wegzehrung einen Wurstkranz und eine Semmel bekommen hat. Ich habe diesen Brauch nicht erlebt.
Weitere Informationen
Krippenführungen speziell für Besuchergruppen Laufen: beim katholischen Pfarrbüro +49-08682-89610 oder bei Josef Heringer +49-8682-9642 anmelden!
Kontakt Hallein: R.k. Stadtpfarramt +43-6245-80287.
Die Krippe der Halleiner Stadtpfarrkirche in der Annakapelle bringt im Hintergrund den Blick auf den Kornsteinplatz und die Halleiner Hausberge, die Barmsteine © Markus Krainbucher
Der lachende und der weinende Halleiner Krippenjackl © Stadtpfarre Hallein
Der Halleiner Krippenjackl lacht am Christtag 2023 in der Stadtpfarrkrippe © Michael Neureiter