Digitalarchiv

Vor 25 Jahren bekannt geworden:

Das Autograph „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ von Joseph Mohr

Gerhard Walterskirchen

Salzburg Museum, Bibliothek, Inv.-Nr. 1814/97

Am 8. Dezember 1995 wurde am Salzburger Museum Carolino Augusteum (heute Salzburg Museum) eine bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte autographe Fassung von Stille Nacht für zwei Singstimmen und Gitarrenbegleitung präsentiert. Dieses Autograph ist von mehrfacher Bedeutung: Es stammt von der Hand Joseph Mohrs, entstand um 1820, repräsentiert die früheste authentische Uberlieferung von Stille Nacht in der Besetzung der Uraufführung, nennt die Autoren, liefert ungewöhnlich detaillierte dynamische Angaben für die Aufführung und weist für die Entstehung der sechs Strophen des Gedichtes Mariapfarr im Jahr 1816 aus, wo Mohr zu dieser Zeit als Coadjutor [Hilfsgeistlicher] wirkte. Ob Mohrs Autograph mit den Varianten der Takte 5 und 7 die ursprüngliche, von Grubers Fassungen abweichende Melodieform darstellt, bleibt unklar.

Veröffentlicht in der Ausgabe 54 der Blätter der Stille Nacht Gesellschaft Download

Übertragung des Mohr-Autographs (c) Stille Nacht Gesellschaft

Vor 205 Jahren:

Joseph Mohr zum Priester geweiht

Michael Neureiter

Trotz seines jugendlichen Alters von nicht ganz 23 Jahren wurde am 21. August 1815 Joseph Mohr im Virgil-Oratorium des Salzburger Doms mit neun anderen Weihekandidaten zum Priester geweiht. Am 11. Dezember 1792 geboren, hatte er das damals vorgeschriebene Alter von 25 Jahren noch längst nicht erreicht und brauchte eine Dispens. Die Weihe erfolgte durch den Passauer Weihbischof Karl Kajetan von Gaisruck - der erzbischöfliche Stuhl war in der "bischoflosen Zeit" bis 1823 verwaist.

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Salzburg (ab 1799) besuchte Mohr von 1808 bis 1810 das Lyzeum in Kremsmünster und verdiente sich einen Teil seines Unterhalts als Sänger und Instrumentalist der Salzburger Universität, der Erzabtei St. Peter bzw. der Stiftsmusik Kremsmünster. 1811 trat er in das Salzburger Priesterseminar ein. Seine theologischen Studien schloss er im August 1814 ab. Die Beurteilung ergab das Bild eines überdurchschnittlich begabten und überaus fleißigen Absolventen mit vorzüglichem Betragen - ein Studium in Rekordzeit.

Am Tag nach der Priesterweihe informierte das erzbischöfliche Konsistorium das Pfarramt Mariapfarr, dass Mohr dort seinen ersten Dienst als Koadjutor, als Hilfspriester, antreten werde. Ein Aufenthalt in Ramsau bei Berchtesgaden führte zu einer kurzfristigen vorläufigen Verpflichtung dorthin und kurz darauf noch 1815 zum Dienstantritt in Mariapfarr, wo er 1816 den Text zu "Stille Nacht!" schrieb. Ab 1817 war er in Oberndorf tätig, wo am Heiligen Abend 1818 das Lied "Stille Nacht" erstmals erklang, das am Nachmittag Franz Xaver Gruber zu Mohrs Gedicht komponiert hatte.

Die "bischoflose Zeit" war von einem erschütterten Kirchenbild geprägt, das natürlich auch Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Geistlichkeit hatte, stellte Hans Spatzenegger fest.

Die Jahre der Priesterweihe und der ersten Seelsorgerjahre Joseph Mohrs waren auch Jahre globaler Klimaveränderungen: Im April 1815 brach in Indonesien auf der Insel Sumbawa der Vulkan Tambora aus und führte zu enormen Opferzahlen und Auswirkungen auch auf das europäische und nordamerikanische Wetter - 1816 wurde zum "Jahr ohne Sommer". Tambora führte zur schlimmsten Hungersnot des 19. Jahrhunderts!

Das Tambora-Ereignis wirkte sich wohl auch im Salzburger Land aus, das gerade kritische Zeiten von den Napoleonischen Kriegen bis zu den Folgen des Wiener Kongresses hinter sich hatte? Zahlreiche europäische Staaten erlebten nach Tambora Ernteausfälle, Hungersnöte und Wirtschaftskrisen, in der Schweiz musste der Notstand ausgerufen werden.

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Das Bronze-Relief Franz Xaver Grubers und Joseph Mohrs (vorne) von Joseph Mühlbacher vor der Stadtpfarrkirche von Oberndorf: Die Züge Joseph Mohrs sind dem 1910 in Wagrain exhumierten Schädel Mohrs nachempfunden (c) Stille Nacht Gesellschaft / Helmut Guggenberger

Eine Karte Joseph Mohrs an einen Freund am Tag der Priesterweihe:

Wenn einst der Kirche heil`ges Band
Auf ewig dich umschließt
Dann denke, dass im fernen Land
Ein Freund dich noch vermißt
welcher heißt Joseph Mohr
(Stille Nacht Archiv Hallein)

„Die Anbetung der Hirten“

Andreas Nesselthalers Hochaltarbild der Stadtpfarrkirche Hallein 1799 aus der Sicht einer Kunsthistorikerin und eines Theologen

Ein Nachtbild des letzten Hofmalers...

(Regina Kaltenbrunner)

Andreas Nesselthaler, letzter fürsterzbischöflicher Hofmaler Salzburgs, wurde 1748 in Langenisarhofen (bei Deggendorf, Niederbayern) geboren und starb 1821 in Salzburg.

Dazwischen liegt eine beeindruckende Künstlerkarriere. Als 16jähriger kam er zu einem Onkel nach Baden bei Wien, um das Malen zu erlernen. Aber er durfte dort nur vergolden. 1772 konnte er an die Akademie in Wien wechseln und wurde Schüler von Franz Anton Maulbertsch, wo er weitere sieben Jahre lernte.

Doch die Kunst stand an einer Wende (vom Barock zum Klassizismus), und dies spürte Nesselthaler ganz besonders, wenn er Arbeiten von zurückkehrenden Romstipendiaten sah. So begab auch er sich nach Italien und blieb 10 Jahre in Rom und Neapel. 1789 konnte er zwischen zwei Berufsangeboten wählen: Er hatte eine Einladung an den Zarenhof nach St. Petersburg und einen Ruf an den Hof von Salzburg – und er entschied sich für die Stelle bei Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo in Salzburg. Graf Friedrich von Spaur schilderte den Salzburger Hofmaler: „... von seiner Kunst gar nicht aufgebläht, sondern einfach und überhaupt ein sehr richtig, helle und liebevoll denkender, auch sittlich gut handelnder Mann, der von allem Eigennutz entfernt, wie ein Weiser, äußerst wenig Bedürfnisse hat und bloß dem Studium seiner Kunst lebte.“ Nesselthaler blieb unverheiratet und kinderlos.

Er war im ausgehenden 18. Jahrhundert der einzige in Salzburg tätige Landschaftsmaler, ja zeitweise sogar der einzige ansässige Maler, er war Spezialist in der wieder beliebt gewordenen antiken Maltechnik der Enkaustik (Wachsmalerei), und er malte sehr geschätzte Durchscheinbilder – das waren Mond- und Vulkanlandschaften auf einem transparenten Trägermaterial, die von hinten beleuchtet wurden.

1799, also 10 Jahre nach seiner Ankunft in Salzburg, schuf Nesselthaler das Hochaltarbild für die Halleiner Stadtpfarrkirche. Die Anbetung der Hirten ist ein Nachtbild, d.h. die Szene spielt in einem nächtlichen Dunkel, was auch Einfluss auf das gedämpfte Kolorit hat. Das Bild (349 x 185 cm) ist ein schmales Hochformat, und darauf hat natürlich die Komposition Rücksicht zu nehmen. Die hl. Familie nimmt die linke Bildhälfte ein, die herbeigekommenen Hirten drängen sich in der rechten Bildhälfte. Über der Gruppe schweben Engel, und am Boden liegt ein Schaf mit gebundenen Füßen. Maria kniet an der Krippe und hält mit beiden Händen ein weißes Tuch, auf dem das Christkind liegt. Josef steht hinter Maria und hat die Arme ausgebreitet – eine Geste, die sowohl schützend wirkt wie auch Bewunderung für das Kind ausdrückt. Eben diese Geste wiederholt sich beim knienden Hirten, bei dem man das Gefühl hat, als würde er das Strahlen, das vom Christkind ausgeht, umfangen. Auch die anderen Hirten sind vom christlichen Licht erfüllt und stehen in stiller Bewunderung oder eben Anbetung um das Kind. Rechts hinten gibt es einen kleinen Ausblick in den nächtlichen Wolkenhimmel. Die Engelgruppe über der Szene besteht aus einem großen schlanken Engel mit weitausgebreiteten Armen, der gleichsam alle Beteiligten umfasst, und zwei kleinen Putti, die mit ihren roten und blauen Lendentüchern einen fröhlichen Farbkontrast ins Bild bringen. Diese drei erscheinen wie auf einem Wolkenband.

Die Anbetung der Hirten von Nesselthaler spielt wohl in einem Innenraum, aber es gibt mit Ausnahme des Strohs in der Krippe und dem Eselskopf keine Hinweise auf einen Stall. Alle Figuren sind von einer Ruhe ausstrahlenden Eleganz. Die gesamte Atmosphäre ist geprägt von Stille, Ergriffenheit und Innehalten. Nicht einmal das Gloria erschallt. Obwohl das Leben Christi erst beginnt, weist das Lamm im Bildvordergrund bereits auf den Opfertod Christi hin.

...und der Übergang vom Hören zum Sehen: „ ... et videamus!“

(Hans Schreilechner)

Nicht die Geburt Christi, sondern der Besuch und die Anbetung der Hirten sind das Thema des Hochaltarbilds der Halleiner Stadtpfarrkirche.

Andreas Nesselthaler hat dieses Thema nicht erfunden, sondern greift zurück auf italienische Vorbilder aus dem Spätmittelalter: Die Armen bringen ihre Geschenke dem neu geborenen König der Armen. Franz von Assisi war dafür ein mächtiger Impulsgeber!

Im heimlichen Gegenspiel zur Pracht der „Drei Könige“ bringen die Hirten, und zwar als Erste, die einfachen Geschenke der Armen: Flöte und Stab, Lamm und Früchte. Christus gehört zum Milieu der Hirten. Er ist der arme König!

Die Menschen, die sich um ihn versammeln, kommen aus dem Dunkel: Sie gehen zu auf ein Kind, dessen Licht ihnen entgegenkommt. Ausstrahlend zieht es sie an. Nicht, dass es die Nacht zum Tag macht! Nur die Gesichter der Menschen leuchten auf wie Planeten, die im Dunkel des Weltalls von der Sonne erreicht werden. Die Sonne aber liegt auf Stroh im Futtertrog und ist ein Neugeborenes. Die Planeten sind nichts als die Gesichter einfacher Leute.

Von den Erwachsenen umhegt, schlafend, untätig und unmündig, strahlt das Kind und erleuchtet die, die es sehen und bestaunen. Die Zuneigung dieser Menschen, aller zusammen und jedes Einzelnen für sich, wird eins mit dem Licht dieses Kindes, das die Menschen an sich zieht: So ereignet sich Begegnung mit dem Erlöser! Größeres kann zu Weihnachten nicht geschehen als der hier in Zeitlosigkeit festgehaltene Augenblick!

Dr. Regina Kaltenbrunner ist Kunsthistorikerin und Direktorin des Barockmuseums Salzburg.

Mag. Hans Schreilechner ist Theologe, römisch-katholischer Stadtpfarrer von Hallein und Dechant des Dekanats Hallein (Tennengau)



Veröffentlicht in der Ausgabe 49 der Blätter der Stille Nacht Gesellschaft Download


Andreas Nesselthalers Hochaltarbild der Stadtpfarrkirche Hallein (c) R.Weidl/Verlag St. Peter

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